Flieht! Ihr Narren!

Der Fantasy und auch der Science Fiction und dem Horror wurde über die Jahre hinweg immer wieder der Eskapismus vorgeworfen – also der Wille, die Realität zu verdrängen und in eine andere Welt zu fliehen. Man kann also sagen, es ginge um Realitätsverleumdung, darum die echte Welt auszublenden und sich in eine zurückzuziehen, die nicht real ist.

Das mag sich für einen Weltenbummler zunächst natürlich ein wenig gemein anhören. Es klingt wie die Aussage des unwissenden alten Mannes von Gegenüber, der sich über die Jugend von heute aufregt. Fakt ist allerdings, dass der Vorwurf der Fantasyliteratur zum Eskapismus nicht ganz unbegründet ist. Aber lasst mich meinen Standpunkt erklären, ehe ihr aufhört zu lesen und meinen Blog aus eurem Verlauf löscht.

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Die Realitätsflucht führt vielleicht an einen dieser Orte (Bild von danmeth.com)

Die Phantastik im Allgemeinen hat mit der Realität, wie wir sie kennen, nicht unbedingt viel zu tun. Wenn wir Weltenbummler also durch ihre Welten streifen, sind wir demnach wirklich auf einer Art der Realitätsflucht, die sich nicht verleugnen lässt. Wir blenden unsere oft recht langweilige Realität aus und ersetzen sie durch Geschichten, die uns interessanter erscheinen. Es geht dabei aber kaum so weit, dass wir sämtliches Verständnis dafür verlieren, was nun wirklich real ist und was nicht.

Die Flucht des Gefangenen – Die Flucht des Deserteurs

Der Eskapismus wird natürlich nicht nur der Phantastik vorgeworfen, sondern bezieht sich generell auf die Kunst. Dichtern und auch Schriftstellern wird immer wieder vorgeworfen, sie würden sich in ihren metaphorischen Elfenbeinturm zurückziehen. Dieser Angriff auf die Dichtung und die Literatur wird von den Schöpfern aber nicht gern gesehen und oft kritisiert.

J. R. R. Tolkien, der gerne als Begründer der Fantasy-Literatur genannt wird, hat sich zu diesem Thema schon 1939 äußerst kritisch geäußert. In dem Vortrag on fairy-stories erklärt er seine Meinung zu diesem Thema, die meine eigene Sichtweise recht gut wiedergespiegelt.

Der Phantastik wird, wie bereits gesagt, oft die Realitätsflucht vorgeworfen und dazu hat Tolkien eine gute Stellung bezogen. Seiner Meinung nach müsse man beim Begriff der Flucht unterscheiden. Es gebe einerseits die Flucht des Deserteurs, der sich seiner Pflicht entziehen und weglaufen will, und andererseits die Flucht des Gefangenen. Dieser ist aber kein Feigling, da seine Flucht eher als Widerstand gewertet werden müsse, denn als Flucht.

Why should a man be scorned if, finding himself in prison, he tries to get out and go home? Or if, when he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison-walls?”

Wieso sollte jemand verachtet werden, der sich im Gefängnis befindet und versucht, herauszukommen und heimzugehen? Oder, sofern das nicht geht: wenn er über andere Themen nachdenkt und spricht als über Wärter und Kerkermauern?“

– John Ronald Reuel Tolkien

Lasst euch verzaubern

Weltenbummler brechen demnach also aus einem Gefängnis aus, um neues zu entdecken, das ihnen die Realität nicht bieten kann. In diesem Ausbruch war Tolkien der Aspekt wichtig, dass die Leser der Phantastik wieder zurückkehrten zum im Mythos zu findenden Zustand der Verzauberung. Für ihn war dies auch eine der wichtigsten Funktionen der phantastischen Literatur.

Diese Verzauberung war, was er erreichen wollte, und das gelang ihm auch gut, wenn man bedenkt, wie stark die Phantastik seit seiner Zeit immer wichtiger und einflussreicher in der Literatur und Unterhaltungsindustrie wurde. Allerdings finde ich, dass Tolkiens Aussage nicht immer passt. Wie bei allem im Leben ist es auch hier so, dass alles nur in Maßen genossen werden sollte – und damit meine ich nicht die großen Bierkrüge vom Oktoberfest.

Die Linie, die überschritten werden muss, damit aus der Flucht des Gefangenen die des Deserteurs wird, ist unbeschreiblich dünn. Es ist eine Sache, die Grenzen unserer Welt zu überschreiten und andere Welten zu erforschen, doch es ist etwas ganz anderes, wenn man dann nicht mehr zurückkommt. Man sollte also nicht vergessen, dass man sich nur verzaubern lassen sollte. Wenn diese Verzauberung in Besessenheit umschlägt, ist der Weg zurück schwer.

Wie ist eure Meinung zum Eskapismus und zur Flucht? Lasst ihr euch gerne verzaubern und habt ihr die Linie vielleicht schon einmal übertreten? Hinterlasst mir doch gerne einen Kommentar. 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sehr interessanter Artikel, Florian. Ich finde das Zitat, das du gewählt hast, sehr passend und stimme dir auch zu.

    Dazu fällt mir auch ein Zitat aus Harry Potter und der Stein der Weisen ein. Dumbledore sagt zu Harry, der sich in der Wunschvorstellung, seine Eltern könnten noch leben, verliert: „It does not do to dwell on dreams and forget to live, remember that.“

    Ich denke, J.K. Rowling hat diese Aussage nicht nur gewählt, weil sie zur Handlung passt, sondern auch im Hinblick auf ihre Leserschaft.

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    1. Finde ich auch sehr schön. Die Passage geht auch viel mehr in die Richtung Besessenheit, was ich nur kurz angesprochen habe, was aber leider immer wieder vorkommt (vor allem bei MMOs) und so ein wirklich schlechtes Licht auf die ganze „Szene“ wirft.

      Trotzdem möchte ich nochmal anmerken, dass die Quintessenz des Eskapismus, die man in der Phantastik findet, keinesfalls schlecht ist. Sie ist vielmehr eine Bereicherung des schnöden Alltags 😉

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