Interview mit einem Zauberer

Ich sitze an einem Tisch am Fenster und blicke auf Bree hinaus. Im tänzelnden Pony sind kaum Leute. Nur ein paar einsame Säufer sitzen an der Theke und kippen ihr erstes Bier. Es ist erstaunlich ruhig, wie man es sonst nicht erleben würde. Aber das ist kein Wunder, schließlich ist es noch nicht einmal mittags.

Die Tür zur Gaststube öffnet sich knarrend und mein Kopf zuckt sofort hinüber. Ich will sehen, wer den Raum betritt. Es ist ein Mann in der einfachen Kleidung eines Landarbeiters. Nicht er. Er kommt nicht. Mein Fuß beginnt unter dem Tisch zu zappeln. Ich lege meine Hand um den Becher vor mir. Auch meine Finger werden unruhig. Sie klopfen den Takt zu einem Lied, dass nur ich höre. Langsam werde ich unruhig. Wo bleibt er? Er ist doch sonst recht pünktlich.

Die Tür öffnet sich erneut. Wieder wandert mein Blick hinüber. Ein Mann in langer weißer Kleidung tritt hindurch. Er ist groß. Oder wirkt er nur groß? Ein langer weißer Bart hängt auf seine Brust herab. Seine Hand ist um einen langen weißen Stab gelegt. Sein Blick ist ernst und sucht den Raum ab. Er sucht nach mir. Mein Puls steigt an. Ich werde noch unruhiger, nervös. Gleich beginnt mein Interview mit einer der größten Personen in der modernen Literatur, Gandalf dem Weißen.

Gandalf, der weiße Zauberer (Bild von Szymon Nosanowicz)
Gandalf, der weiße Zauberer (Bild von Szymon Nosanowicz)

Herr Gandalf! Ich bin hier hinten!

(Nicken. Er kommt näher. Ich erhebe mich von meinem Stuhl und reiche ihm die Hand entgegen. Er ergreift sie mit festem Griff und schüttelt sie.)

Danke, dass Sie sich die Zeit für mich nehmen, Herr Gandalf.

Keine Ursache. Ich habe ohnehin noch ein paar Monate, ehe ich aufbrechen will.

Aufbrechen?

Ich möchte gemeinsam mit den Elben Mittelerde verlassen.

(Ich nicke nachdenklich. Natürlich war mir das bekannt. Schließlich kannte ich den Ausgang der Geschichte. Dass ich es weiß, kann er aber natürlich nicht wissen.) Ich muss gestehen, ich war besorgt, Sie würden nicht kommen.

Mein Junge, ein Zauberer kommt nie zu spät, noch kommt er zu früh. Er kommt genau dann, wann er gedenkt zu kommen.

(Ich unterdrücke ein Kichern. Ich liebe diesen Spruch einfach.) Können wir dann anfangen?

(Nicken.)

In Ordnung. Herr Gandalf, es gibt in Wahrheit unzählige Fragen, die ich Ihnen gern stellen würde. Aber ich fürchte wir werden nicht die Zeit dazu finden.

Nun ja…

Stimmt! Sie haben technisch gesehen alle Zeit, die Sie brauchen. Dabei fällt mir ein Gerücht ein, dass ich gehört habe. Stimmt es, dass Sie älter sind als die Welt?

Ich bin erstaunt, dass Sie so etwas wissen. Wie es scheint, haben Sie sich wirklich gründlich vorbereitet. Ja, in der Tat, ich bin älter als die Welt. Iluvatar hat mich geschaffen, ehe die Valar Arda mit ihrem Gesang zum Leben erweckt haben. Bevor ich hierher kam, lebte ich im Nichts.

Aber wird einem da nicht langweilig mit der Zeit, wenn man so lange lebt?

Oh, ich habe genug Dinge zu erledigen. So schnell wird mir nicht langweilig. Ehrlich gesagt, wünschte ich mir manchmal, dass ich etwas weniger zu tun hätte. Vor allem wenn ich auf die vergangenen hundert Jahre zurückblicke. Ein paar Momente der Ruhe hätten mir gutgetan.

Natürlich. Die Sache mit Smaug, der Ringkrieg… Und zwischendrin sind Sie doch auch einmal gestorben, nicht wahr?

Ja, in der Tat. Beim Kampf mit dem Balrog musste ich mein Leben lassen, um das meiner Freunde zu retten.

Wussten Sie damals schon, dass sie wieder zurückkommen würden?

Nein. Das war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Und ich glaube, dass ich – wenn ich es schon zuvor gewusst hätte – in diesem Moment gezögert hätte. Ich glaube, ich hätte an diesem Wissen gezweifelt. Immerhin ging es um meinen eigenen Tod. Den kann man nicht einfach ausblenden.

Warum sind Sie eigentlich zurückgekehrt?

Da bin ich mir, um ehrlich zu sein, selbst nicht ganz sicher. Ich vermute, es liegt daran, dass durch den Wechsel von Saruman auf die Seite des dunklen Herrschers ein Ungleichgewicht in der Welt entstand. Vermutlich wurde ich deshalb von Ilùvatar zurückgesandt. Jemand musste Sarumans Platz einnehmen, nachdem dieser mehr oder weniger aus den Reihen der Istari ausschied. Obwohl, das stimmt so nicht so ganz. Ich vermute eher, ich wurde wiedergeboren als jener, der Saruman eigentlich sein sollte.

Habe ich das richtig verstanden? Sie meinen, Sie wären Saruman?

Ich starb als Gandalf der Graue und wurde als Weißer wiedergeboren. Es kann unter den Istari nur einen weißen Zauberer geben. Demnach ist das die einzige Erklärung, die ich Ihnen bieten kann.

Wenn Sie also in einer gewissen Weise Saruman sind, dann lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen. Verstehen Sie, warum Saruman sich Sauron anschloss?

Das Bündnis der zwei Türme ist mit Sicherheit eines der schlimmsten Dinge, die Mittelerde je widerfahren konnte. Das kann ich ohne Zweifel so sagen. Aber ich glaube nicht, dass ich mich auf diese Weise in meinen alten Freund hineinversetzen kann. Ich kann nur vermuten, was ihn dazu getrieben hat. Vielleicht hat Sauron ihn beeinflusst, aber das kann ich mir nicht vorstellen. Saruman war unbeschreiblich mächtig. Wahrscheinlich war es eine rationale Entscheidung. Er sah sich selbst in Gefahr, wenn er sich dem dunklen Herrscher entgegenstellte und schloss sich ihm deshalb an.

Isengard war mit Sicherheit einer der mächtigsten Kontrahenten im Ringkrieg, aber für Sie hat es doch bestimmt auch eine andere Bedeutung, immerhin ist es das Zentrum der Macht der Istari, nicht wahr?

Das würde ich so direkt nicht sagen. Saruman, der mächtigste unter uns, hat Isengard als Sitz ausgewählt, aber für uns andere war es nie wirklich eine Heimat. Radagast fühlte sich immer in den Wäldern zu Hause und die anderen beiden, also… Hm… Ich weiß ihre Namen nicht mal mehr, so lange ist es schon her, dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe. Aber ich glaube, dass sollte das unterstützen, was ich gesagt habe. Außer Saruman fühlte sich keiner von uns wirklich in Isengard wohl.

Und was ist mit Ihnen?

Was soll mit mir sein?

An welchem Ort Mittelerde fühlen Sie sich am wohlsten?

Da, mein junger Freund, bin ich wirklich überfragt. Es gibt zu viele schöne Orte in Mittelerde, als dass man einen benennen könnte. Bruchtal, Gondor, Helms Klamm, das Auenland, Edoras,… Jeder dieser Orte ist auf seine Art und Weise schön. Auch der Düsterwald – als er noch der Grüne Wald war – und die Minen von Moria – bevor sie von Orks überrannt wurden – waren wirklich schöne Plätze.

Gerade zum Auenland scheinen Sie aber eine besondere Verbindung zu verspüren, oder?

Habe ich die? Das ist durchaus möglich. Aber ich glaube, das liegt einfach an der Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt. Selbst nachdem Saruman diesen Ort besetzt hatte, verspüre ich das immer noch, wenn ich dorthin zurückkehre.

Liegt das vielleicht auch an den Hobbits?

Ja. Diese kleinen Leute zeigen mir immer wieder, was in ihnen stecken kann. Viel mehr, als jedes andere Volk auf der Welt.

Die Familie Beutlin im Besonderen?

Vielleicht. Sowohl Bilbo als auch Frodo haben Dinge vollbracht, die ihnen niemand zugetraut hätte. Aber auch Merry und Pippin und vor allem Samweiß haben gezeigt, dass in ihren kleinen Körpern wirklich große Geister stecken. Sie haben im Ringkrieg an Orten gestanden, die man einem Hobbit niemals zutrauen würde.

Eine letzte Frage: Wie gelingt es Ihnen, den freien Völkern von Mittelerde immer wieder Mut zu machen.

(Gandalf blickt sich kurz um, als wolle er sehen, ob uns jemand beobachtet. Dann legt er die Hand auf den Tisch.) Hier. Sehen Sie den Ring? Das ist Narya, der Ring des Feuers. Er hat die Kraft, in den Herzen der freien Völker den Mut entflammen zu lassen. Mehr steckt nicht dahinter.


Ich sehe verdutzt hinunter. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte auf einen netten Spruch zum Abschluss gehofft, doch der war mir verwehrt geblieben. Auch ist die Zeit für unser Gespräch verflogen, ehe ich es mitbekommen hatte. Gandalf erhebt sich. Meine Fragen sind aufgebraucht und der weiße Zauberer scheint dies zu wissen. Auch ich erhebe mich und bedanke mich bei ihm für das Gespräch.

Ich strecke ihm die Hand entgegen. Lächelnd ergreift er sie und schüttelt sie schwungvoll. Wir verabschieden uns. Es werden noch ein paar Floskeln ausgetauscht. Ich wünsche ihm eine gute Heimreise und ehe ich mich versehe, ist er durch die Tür des tänzelnden Ponys verschwunden. Zurück bleiben sein leerer Bierkrug und das Gefühl in meiner Hand.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. sandrasuppan sagt:

    Selten so ein geniales Interview gelesen! Echt toll 🙂

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    1. Florian Born sagt:

      Danke für das Kompliment (:

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  2. Ainur sagt:

    Sehr authentisch! Super Interview!

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