Märchen oder Fantasy? Wo liegt der Unterschied?

Immer wieder gerate ich mit meiner Mutter in eine bestimmte Diskussion. Jedes Mal wenn im Fernsehen ein Fantasy-Film oder eine Fantasy-Serie läuft und sie diese beschreiben will, so verwendet sie den Begriff Märchen. Und ich, als ausgeschriebener Fantasy- und Science-Fiction-Nerd, bin dabei ein wenig heikel. Die meisten anderen werden sich vermutlich denken, wo denn der große Unterschied ist – dazu gehört auch meine Mutter. Es ist doch eigentlich sowieso das Gleiche.

Meine klare Meinung zu dieser Sache: Nein. Fantasy und Märchen sind einander zwar ähnlich, aber sie sind mit Sicherheit nicht das Gleiche. Warum das so ist, dazu komme ich gleich. Vorher möchte ich aber noch schnell einräumen, dass der Verdacht, die beiden seien das Gleiche, nicht unbegründet ist. Immerhin gibt es gewisse Parallelen zwischen ihnen.

Ähnlich, aber nicht gleich

Beide Genres haben einen phantastischen Kern im Zentrum der Geschichte. Es gibt Magie, Zauberei, sprechende Tiere oder andere merkwürdige Geschöpfe. Kurzum: Dinge, die es in der Realität nicht gibt. Manche der Geschichten in Märchen spielen, wie auch jene aus der Fantasy, in fernen oder verdrehten Welten. Hier lässt sich jedoch schon der erste grobe Unterschied zwischen den beiden festmachen. Während die Fantasy klare Hintergründe, Orte und Zeitstränge aufgibt, bleiben Märchen in diesen Dingen meist äußerst wage. Meist heißt es nur „vor langer, langer Zeit“ oder auch „in einem unbekannten Land“.

Bei Rotkäppchen hat man Märchen und Fantasy im neuen Film vermischt (Bild von ryky)
Bei Rotkäppchen hat man Märchen und Fantasy im neuen Film vermischt (Bild von ryky)

Das Märchen versucht also den Leser zu verzaubern. Es versucht etwas Verwaschenes zu erschaffen, während die Fantasy wesentlich klarer ist und ihm mehr Dinge zu erklären versucht. Wenn man vom Leser spricht, so kommt man schon zum nächsten Punkt. Das Zielpublikum eines Märchens ist ein gänzlich anderes als jenes der Fantasy. Märchen werden Kindern erzählt und sollen diese verzaubern. Die Fantasy hingegen richtet sich an ein bedeutend älteres Publikum und ihr Ziel ist es nicht mehr, einfach nur zu verzaubern – auch wenn dies mit Sicherheit auch mitspielt. Viel mehr möchte die Fantasy eine möglichst spannende und runde Geschichte erzählen.

Eine Parallele ist jedoch auch hier ersichtlich, denn beide Genres wollen mit Sicherheit unterhalten, jedoch gehen sie von einem anderen Standpunkt an diese Sache heran. Durchaus ähnlich ist auch der Ursprung der beiden Genres. Beide kommen ursprünglich aus den Sagenkreisen Mitteleuropas – bei den Märchen zumindest die europäischen. Die Wege, die die beiden Genres genommen haben, sind aber wieder gänzlich unterschiedlich.

Nahe, aber nicht zu nah

Märchen haben keinen weiten Weg genommen. Sie waren Erzählungen, wurden zu Sagen und schließlich entstand nach mehrmaliger Erzählung und Veränderung ein Märchen daraus. Die Fantasy hat jedoch nur Bestandteile aus den alten Sagen übernommen. Diese hat sie vermischt, verändert und etwas neues daraus geschaffen. Außerdem ist die Fantasy kein Ergebnis vieler Köpfe, sondern das weniger, oft nur eines einzelnen.

Auch Schneewittchen wurde schon oft neu umgesetzt (Bild von ryky)
Auch Schneewittchen wurde schon oft neu umgesetzt (Bild von ryky)

Auch der Grundplot unterscheidet sich bei Märchen und Fantasy sehr stark. Märchen sind meist sehr stark an der Fabel angelehnt. Es gibt klar umrissene Rollen, sehr viel bildliche und metaphorische Darstellung und zum Schluss eine versteckte Moral. Die Fantasy hingegen orientiert sich meist mehr an den Geschichtssträngen anderer großer Genres. Am häufigsten erkennt man Ideen aus Abenteuerromanen, aus Thrillern, germanischen Heldensagen und aus griechischen Epen, aber auch andere Genres sind immer wieder in ihr erkennbar.

Die klar umrissenen Rollen sind allerdings auch bei der Fantasy erkennbar. In beiden Genres kann man den alten Meister, den jungen Helden, den Mentor und auch die unschuldige Dame erkennen. Auch der böse Herrscher ist bei beiden zu sehen. Hier, wie auch an vielen anderen Stellen, kann man erkennen, dass die Fantasy sich immer wieder gerne am Märchen bedient.


Abschließend kann ich also sagen, dass es durchaus Ähnlichkeiten zwischen Fantasy und Märchen gibt. Man sollte die beiden aber nicht miteinander verwechseln, da es auch wieder starke Unterschiede gibt, vor allem wenn man sich etwas stärker damit beschäftigt.

Wo erkennt ihr die stärksten Unterschiede zwischen Fantasy und Märchen? Und was sagt ihr zu den neuen Varianten der Märchen, die den Markt zurzeit überfluten? Hinterlasst mir doch einen Kommentar (:

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11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wortman sagt:

    Der stärkste Unterschied ist natürlich die nicht festgelegte zeit in einem Märchen. Eben das berühmte „Es war einmal…“. Dazu kommt, es gibt immer ein „belehrendes Ende“. So etwas wie die positive Moral von der Geschicht. Während Fantasy auch mit einen schlechten Ende aufhören kann, ist das Ende beim Märchen immer positiv für die Hauptakteure.

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    1. Florian Born sagt:

      Das seh ich genauso. Das mit dem positiven Ende, das hatte ich fast vergessen. Danke für die Anmerkung 🙂

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      1. Wortman sagt:

        Immer gern geschehen. Das ist eigentlich einer der wichtigsten Faktoren im Märchen.

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  2. Prinzipiell habe ich ja nichts dagegen, wenn Märchen filmisch neu adaptiert werden, aber manchmal kann man auch übers Ziel hinausschießen. Vor allem bei Schneewittchen – im selben Jahr gleich zwei Neufassungen, einmal lustig mit „Spieglein, Spieglein“ und einmal der Versuch episch zu wirken mit „Snow White and the Huntsman“. Ich habe zwar beides nicht gesehen, aber aus meinem Bekanntenkreis nichts Gutes darüber gehört.
    „Red Riding Hood“ ist so eine Sache, mit Rotkäppchen hat der nicht mehr sonderlich viel gemein, aber der ist wenigstens bis zu einem gewissen Grad unterhaltsam.
    Auch „Die Schöne und das Biest“ wird zurzeit total ausgeschlachtet – „Beastly“ ist einfach nur eine mehr oder minder schlechte Teenie-Romanze, die behauptet sich an dem Märchen zu orientieren. Auch Disney will sich an eine Realverfilmung wagen, nachdem die Zeichentrickfassung von 1991 sogar zwei Oscars gewinnen konnte und „Maleficent“ zurzeit ja ein wahrer Kassenschlager ist. Wobei ich Maleficent wirklich äußerst gelungen finde.
    Die Serie „Once upon a Time“ hab ich zwar noch nie gesehen, aber davon hab ich auch nur positive Rückmeldungen gehört. Und die Märchenparodien in den „Shrek-Filmen“ sind einfach nur lustig. 😉
    Der derzeitige Überschwemmung mit Märchenfilmen und -serien ist gleich, wie die Flut an Vampirfilmen zurzeit: einige sind echt gut gemacht und bei anderen kriegt man einfach nur das große Grausen.

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    1. Florian Born sagt:

      Wirklich sehr schön zusammengefasst. Dazu kann ich eigentlich nichts mehr hinzufügen, danke 😀

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  3. t.sebesta sagt:

    Die obige(n) Definition(en) scheinen hier sehr aus dem Bauch kommend und enthalten einiges an Graustellen, die man sooo nicht stehen lassen sollte. In der Vielzahl scheint es auch nicht geeignet die in Form eines Kommentars zu berichtigen. Ich empfehle daher http://www.polyoinos.de/Phantastik/Phantastik/myth_maer.html , einen Artikel von Franz Weinreich, der die Saxche schon sehr viel genauer auf den Punkt bringt. Die Unterschiede kann jeder selbst herausarbeiten.Viel Vergnügen damit.

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    1. Florian Born sagt:

      Danke für die Anmerkung 🙂
      Beim obigen handelte es sich ja wie beim Meisten auf diesem Blog nur mein Gefühl dazu und die Art und Weise, wie ich es erklären würde.

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  4. culeviche sagt:

    Märchen stammen aus einer Zeit in der ein gewisse Lebensweisheit von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
    Man muss hier auch die alten und die neuen Märchenverfilmungen anschauen.
    Alleine schon die Charakterdarsteller können ein Märchen komplett den Zauber nehmen bzw. es in ein anderes Licht rücken.
    Mir persönlich gefallen sehr gut die CSSR Märchenfiguren, da sie eine gewisse sanftheit, edel und reinheit aussprühen was die modernen Bayrisch/Österreich Märchen aus meiner Sicht nicht tun.
    Ausserdem geben sie eine Lebensweisheit weiter, was man als goldenen Weg bezeichnen kann. Diese gehen in den modernen Märchen zum Teil auch unter.
    Handelt es sich doch um Wissen was von Generationen und Generationen vorher ausprobiert wurde und als die Wahrheit gilt.
    Märchen sind deshalb nicht an Raum und Zeit gebunden da sie eine Weisheit weitergeben die man in heutiger Zeit als Lebensratgeber auch bezeichnen könnte.
    Eine universelle Weisheit die Raum und Zeit ungebunden ist.

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    1. Florian Born sagt:

      Sehr gute Einwände, danke dir!

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  5. Pascal sagt:

    Für mich bestehen die größten Unterschiede darin, dass ein klassisches Märchen immer versucht, eine Moral oder Weisheit zu vermitteln. Bei Fantasy steht hingehen das Entertainment im Vordergrund. Bei Fantasy gibt es auch nicht immer ein Happy End (siehe Kingdom Hearts – 358/2 Days), bei klassischen Märchen schon. Zudem ist Fantasy viel brutaler als ein Märchen, siehe zum Beispiel „Harry Potter“. Ein anderes gutes Beispiel sind die Charaktere. Einen Snape, der zuerst als böse erscheint, sich dann aber sogar als ein Held herausstellt, wird man in keinem Märchen finden, da ein solcher Charakter zu komplex für die Zielgruppe wäre.

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    1. Florian Born sagt:

      Ich stimme überall zu, außer bei dem Punkt mit der Brutalität. Ich verweise auf Hänsel und Gretel. Kannibalistische Hexe, die dann im eigenen Ofen verbrannt wird, der Jäger, der dem Wolf den Bauch aufschlitzt, ihn mit Steinen füllt und ihn dann in den Brunnen wirft, geschweige denn die Vergewaltigung in Dornröschen 😉

      Fantasy hat eben mir die Motive des Konflikts und Kriegs 😉

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