Interview mit einem Butler

Die Sonne hat die Hälfte des Wegs bis zum Zenit hinter sich gebracht und scheint bereits kräftig auf das morgendliche Venedig herab. In dem kleinen Café am Canale Grande sitzen nur wenige Leute. Die meisten sind schon in der Arbeit und für Touristen ist es noch zu früh. Das Rauschen der Wellen in der Lagune hallt bis ins Innere der Stadt und wird hin und wieder von den Rufen einiger Gondoliere unterbrochen, die schon jetzt versuchen Kundschaft anzulocken.

„Un Capuccino?“ Die Kellnerin steht mit einem Tablett vor mir, auf dem eine einsame Tasse steht. „Si“, erwidere ich. „Grazie.“ Sie stellt den Kaffee ab und verschwindet wieder. Meine Augen wandern wieder auf meine Unterlagen hinab. Es ist noch ein wenig Zeit, bis er kommt. Ich gehe nochmal schnell meine Fragen in Gedanken durch, denn ich bezweifle, dass er sich verspäten würde. Nicht er.

Als die Kirchturmglocke vom Piazza del Marco her verkündet, dass es neun Uhr ist, blicke ich auf. Schon sehe ich ihn auf das Café zuschreiten. Der Mann ist mir von Anfang an sympathisch. Er ist von einer Art gütiger Aura umgeben. Ich erhebe mich von meinem Sessel und hebe die Hand. „Mr. Pennyworth!“ Er sieht meine Geste und kommt näher. Wir geben uns über den Tisch hinweg die Hand und setzen uns dann.

Ein berühmter Butler: Alfred Pennyworth (Bild von Cptninja)
Ein berühmter Butler: Alfred Pennyworth (Bild von Cptninja)

Schön, dass Sie die Zeit gefunden haben.

Ich habe nicht mehr so viel zu tun in letzter Zeit. Trotzdem war ich erstaunt, als Sie mich kontaktierten. Was sollten Sie schon von mir erfahren wollen?

Sie sind doch Alfred Pennyworth, nicht wahr? Der ehemalige Butler des verstorbenen Bruce Wayne. (Natürlich weiß ich die Antwort bereits. Ich kenne sein Gesicht schließlich nur zu gut.)

Ja, der bin ich. (Sein Gesicht verdüstert sich ein wenig. Er scheint zu glauben, er wisse, in welche Richtung dieses Gespräch gehen wird. Vermutlich hält er mich für irgendeinen Klatschreporter, der pikante Details aus dem Leben des Playboys veröffentlichen will.)

Sehr gut. Dann lassen Sie mich Ihnen erklären, warum ich mit Ihnen sprechen wollte. Ich weiß, dass Bruce Wayne Batman war.

(Sein Gesicht verdüstert sich für einen kurzen Moment noch mehr, dann fängt er an zu lachen.) Darf ich fragen, wie Sie auf diese ungeheuerliche Vermutung kommen?

Es ist keine Vermutung. Ich weiß es. Und Sie würden uns beiden eine Menge Zeit ersparen, wenn wir uns dieses Hin-und-Her ersparen könnten.

(Er nickt nach kurzem Zögern. Ich merke aber eindeutig, dass ihm das ganze nicht geheuer ist.)

Bruce Wayne verlor seine Eltern in viel zu jungen Jahren. Glauben Sie, dass Sie eine Art Ersatzvater für ihn waren?

(Er zögert lange. Ganz eindeutig hat er nicht mit dieser Art Frage gerechnet.) Ich war Master Wayne immer ein guter Freund. Ein Freund, der ihn aufbaute, ihn unterstützte, ihn aber auch in Frage stellte. Ob ich auch eine Art Vater für ihn war, kann ich Ihnen nicht sagen.

Sie sagen, Sie hätten ihn unterstützt. Das bezieht sich auch auf seine Aktivitäten als Batman, nicht wahr?

(Wieder ein Zögern. Diesmal nicht so lange wie zuvor.) Es hätte ohnehin keinen Sinn, es zu leugnen. Ja, ich stand in seinem Kampf gegen das Verbrechen hinter ihm. Aber weniger im Kampf selbst. Ich kümmerte mich um den Mann unter der Maske.

Wer glauben Sie, war — neben ihnen — Batmans wichtigster Mitstreiter?

Es gab viele. Commissioner Gordon, Lucius Fox, Detective Blake, die junge Selena Kyle, aber auch Harvey Dent. Sie alle haben Gotham zu der Stadt gemacht, die es heute ist.

Und wer war Bruce Waynes wichtigster Mitstreiter?

Mitstreiter sind schwer zu fassen. Wenn Sie meinen, wer Master Waynes liebster Mensch gewesen ist, dann würde ich sagen: Rachel Dawes. Sie war mit ein Grund dafür, warum er nach Gotham zurückkehrte. Sie war sein Antrieb in seinem Kampf gegen das Verbrechen. Und ihr Tod war es, der ihn gebrochen hat. Deshalb gab ich ihm auch den Brief nicht, den sie ihm geschrieben hatte. Er hätte ihn endgültig zerstört. (Er hat scheinbar erkannt, dass es nicht hilft, wenn er auszuweichen versucht. Er kann zwar nicht wissen, woher ich mein Wissen habe, aber er weiß, dass ich es habe. Seine Stimmung verdüstert sich aber zusehends.)

Nach Miss Dawes dauerte es lange, bis er sein Herz wieder jemandem öffnen konnte, nur damit sein Vertrauen gleich wieder zerstört werden konnte.

Sie sprechen von Miss Tate, die sich als die Tochter von Master Waynes altem Lehrmeister herausstellte. Diejenige, die für den Beinahe-Untergang von Gotham verantwortlich war. Diese Frau war ebenso verklärt wie ihr Vater. Er hätte nie wissen können, wer sich unter ihrer Maske verbirgt.

Sie sagten einst zu ihm, sie wollten, dass er nie nach Gotham zurückkehrt. Sehen Sie das immer noch so?

Gotham hielt nie etwas anderes als Schmerz und Trauer für Master Wayne bereit. Das änderte sich auch zuletzt nicht.

Aber er hat der Stadt mehr geholfen als jeder andere.

Aber die Stadt hat ihm nie geholfen. Ich wollte nur das Beste für ihn; nicht für Gotham. Und ich denke, Sie haben Harvey Dent vergessen, der die Stadt mit einem Schlag von der ganzen Mafia befreit hat.

Aber Dent ist letzten Endes durchgedreht und mordend durch die Stadt gezogen.

Der Joker hat Dent gebrochen, einen der besten Männer, die Gotham hervorgebracht hat. Er nahm ihm das Liebste, das er im Leben hatte und führte ihn auf einen Rachefeldzug.

Dents Motiv war also Rache. Banes Motive einige Jahre später sahen hingegen ganz anders aus, nicht wahr?

Bane führte Ras al Ghuls Krieg gegen Gotham weiter. Er hatte die selben Motive wie sein ehemaliger Meister und dessen Tochter. Letzten Endes war er aber nicht mehr als ein Handlanger.

Können Sie den Hass der Liga der Schatten gegen Gotham verstehen? Zumindest teilweise?

Die Liga der Schatten führte einen Krieg gegen die westliche Welt. Gegen eine Welt, die ihrer Meinung nach für Ungleichheit, Hass, Krieg und Unterdrückung stand. Sie wollten mit Gotham das Zentrum dieser Welt vernichten. Jeder, der Gotham kannte, wie es vor einigen Jahren war, würde das verstehen. Doch nur, weil ich jemandes Motive verstehe, heißt das nicht, dass ich sie auch gutheißen muss.

Aber sie ergeben für Sie zumindest mehr Sinn als die Ziele des Jokers.

Der Joker hatte keine Ziele. Er gehört zu jenen Männern, die die Welt nur brennen sehen wollen.

War es nicht sein Ziel, Batman zu vernichten? Und das geschah letzten Endes ja auch.

Nein. Dieser Irre brauchte den Kampf gegen Batman. Es war sein einziger Grund zu leben und überhaupt erst nach Gotham zu kommen. Vielleicht war sein Ziel auch einfach nur der Tod im Kampf. Der Tod von Batman war es bestimmt nicht. Auch wenn er seinen Traum nun erfüllt sähe.

Glauben Sie an seinen Tod?

An den von Batman: Ja. An den von Bruce Wayne: Ich bin mir nicht sicher. Es wäre nicht das erste Mal, dass er noch ein Ass aus dem Ärmel holt. (Plötzlich erhebt er sich. Er scheint genug von meinen Fragen zu haben und ich muss sagen, dass ich damit gerechnet habe, dass das schon viel eher der Fall sein wird. Ich hätte nie gedacht, dass er so bereitwillig auf meine Fragen antworten würde.) Ich habe noch etwas zu erledigen und ich würde Sie bitten, wenn Sie mich nicht mehr kontaktieren würden.

(Ich nicke und er wendet sich ab.) Mr. Pennyworth! Eine letzte Frage: Was passiert eigentlich mit der Batcave, nun da ihr Besitzer nicht länger in Gotham ist?

Was soll schon mit ihr sein? Sie liegt verborgen unter Wayne Manor. Wahrscheinlich wird da drin alles verrosten und irgendwann wird sie einstürzen.

Mit diesen Worten wendet er sich endgültig von mir ab und verschwindet in einer schmalen Seitengasse, aus der es nach Pizza und Croissants duftet. Ich sehe wieder auf die Aufzeichnungen vor mir hinab. Gerade einmal die Hälfte meiner Fragen wurde beantwortet, doch ich bin schon froh über diese Antworten. Ich hatte schon befürchtet, er würde mich einfach auslachen und gehen. Vielleicht war er einfach nur die Lügen leid. Wer weiß.


Das Interview bezieht sich auf das Dark-Knight-Universum von Christopher Nolan (Batman – The Dark Knight Trilogy [Blu-ray]).

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