Ein Kompass, ein Messer und ein Teleskop

Ich habe mir wirklich fest vorgenommen, bei Weltenwertungen so wenig wie irgendwie möglich zu spoilern. Nachdem ich aber His Dark Materials von Philip Pullman endlich abgeschlossen hatte, musste ich zu meinem Leidwesen fetsstellen, dass das hier nicht so leicht werden würde. Trotzdem werde ich mein Bestes geben und versuchen, die Spoilerrate möglichst gering zu halten. Völlige Spoilerfreiheit kann ich dieses Mal aber leider nicht versprechen.

Für alle, die sich davon aber nicht abschrecken lassen, werde ich jetzt anfangen. His Dark Materials ist eine Trilogie des britischen Autors Philip Pullman. 2007 wurde der erste Teil der Reihe, Der Goldene Kompass, verfilmt. Das Ende wurde hier aber ein ganzes Stück nach vorne verlegt und von einer Fortsetzung hat man seither nie wieder etwas gehört. Im Allgemeinen hinterließ der Film also einen recht schalen Nachgeschmack.

Die Buchreihe hingegen — und das möchte ich gleich an den Beginn dieses Beitrags stellen — kann ich wirklich jedem ans Herz legen. Denn im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung handelt es sich dabei um keine Reihe für Kinder. Stattdessen ist es ein recht tiefgründiges Werk, das nur so strotzt vor Metaphern und Symbolik. Beim letzten Band wird ein Kind oder auch ein Jugendlicher zwangsläufig früher oder später verwirrt aussteigen. Doch ich greife wieder einmal vor. Lasst uns am Anfang beginnen!

Eine Welt unserer nicht unähnlich

Die Geschichte des ersten Bandes rankt sich um ein Mädchen namens Lyra Belacqua, das in einer Welt lebt, die unserer in vielem gleicht, sich aber in vielem von ihr unterscheidet. Die größten Unterschiede sind klar, dass sie sich vom technologischen Standpunkt her im viktorianischen London aufhält und dass Menschen dort ihre Seele außerhalb ihres Körpers tragen. Die wird dann als Daemon bezeichnet. Über die habe ich aber schon einmal geschrieben.

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Kompass…

Lyra macht in der Geschichte eine Reise aus dem Oxford ihrer Welt bis hoch in den Norden, der von riesigen sprechenden Eisbären beherrscht wird. Dabei steht sie an der Seite von Hexen, einem schifffahrenden Nomadenvolk und einem texanischen Ballonfahrer. Was nach einer merkwürdigen Kombination klingt, macht im Laufe der Geschichte durchaus Sinn, denn alle Charaktere kommen auch in den späteren Teilen wieder vor.

Schon im ersten Teil beginnt sich aber klar der Tenor der gesamten Reihe abzuzeichnen. Es spinnt sich eine Geschichte heraus, deren Thema einem schon in Dan Browns Illuminati begegnet ist. Der Kampf zwischen Aufklärung und der katholischen Kirche, die sämtliche Neuerungen zu verdrängen versucht. Pullman ist hier klar auf der Seite der Aufklärer, doch merkt man, dass er sich für die Reihe wirklich viele Gedanken um dieses Thema gemacht hat.

Unsere Welt

Im zweiten Teil beginnt sich dieser Kampf langsam zuzuspitzen. Außerdem wird Lyra ein zweiter Protagonist an die Seite gestellt, der aus unserer Welt stammt. William Parry verlor seinen Vater in sehr frühen Jahren, als dieser bei einer Expedition zum magnetischen Nordpol spurlos verschwand. Seither muss er sich um seine Mutter kümmern, die unter schwerem Verfolgungswahn leidet.

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… Messer…

Durch eine Reihe von Zufällen gerät Will in die ganze Geschichte rund um Lyra und ihren Vater, der einen Krieg gegen Gott anzetteln will. Wieder erkennt man auch hier verstärkt Pullmans aufklärerische Gedanken, doch macht er auch hin und wieder klar, dass auch die Wissenschaft durchaus zu weit gehen kann. Eine mächtige Erfindung steht im Zentrum der Geschehnisse. Erst gegen Ende wird aber klar, dass diese… Halt! Fast hätte ich euch gespoilert. Das ging grad noch einmal gut.

Ich kann nur die Hauptaufgabe dieser Erfindung zeigen. Es handelt sich dabei um ein Messer, mit dessen Hilfe der Träger Fenster zwischen mehreren Welten aufschneiden kann. Bei diesen Welten handelt es sich um komplette Universen, die parallel zu unserem existieren. Pullman bedient sich dabei an der Viele-Welten-Theorie von Hugh Everett III. Will und Lyra treffen aufeinander und können mithilfe des Messers durch diese Welten reisen und kommen dadurch ihrem Schicksal immer näher.

Viele andere Welten

Der dritte Teil der Reihe ist nicht nur der längste Teil der Reihe sondern gleichzeitig auch der komplexeste. Charaktere aus Wills und Lyras Welt treffen in diesem aufeinander und es kommen noch mehr hinzu. Zum Schluss ist die Zahl an Personen schon fast so hoch wie bei Game of Thrones. In anderen Worten: Man ist irgendwann verwirrt bei den ganzen Leuten, die herumwuseln.

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… und Teleskop

Auch die Geschichte spitzt sich immer mehr zu und driftet im Vergleich zu den ersten beiden Bänden immer mehr ins Metaphorische und Symbolische ab. Pullman bedient sich hier an Bildern aus der Bibel und auch aus anderen Religionen. Wer sich also ein wenig mit dem Christentum und dessen Geschichten auskennt, wird sehr viele Passagen leichter verstehen und sich vielerorts an Geschichten aus dem Alten Testament erinnert fühlen — vor allem an das Buch Genesis.

Man kann die Geschichte aber durchaus genießen, wenn man von all dem keine Ahnung hat, was vor allem Pullmans sehr direktem und einfachem Schreibstil zu verdanken ist. Kein Wunder also, wenn man dabei in den ersten beiden Teilen ein Jugendbuch darin sehen kann. Auch das Alter der beiden Protagonisten lässt diesen Schluss zu; beide sind am Beginn ihrer Pubertät, werden aber in eine Welt geworfen, für die sie nicht wirklich bereit sind.

Weltenwertung: Cool gemacht

Auch wenn die Geschichte um Lyra und Will wirklich atemberaubend ist, sind die Welten, die Philip Pullman erschafft, doch leider nur cool gemacht. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Details und ich persönlich hätte gern mehr über einzelne Welten erfahren. Bei der Menge an Welten ist dies aber nur verständlich und einem anderen, der darauf weniger wert legt, fällt das wahrscheinlich gar nicht auf.

Wahrscheinlich könnte ich noch drei Artikel zu diesem Thema füllen, aber ich befürchte, dass die irgendwann keiner mehr lesen würde. Alles in allem kann ich also sagen, dass ich Pullmans bekannte Reihe jedem guten Gewissens ans Herz legen kann. Wer vielleicht etwas lesefaul sein sollte, der muss möglicherweise nicht darauf verzichten. Gerüchten zufolge soll sie als Serie umgesetzt werden, was bei der Menge an Stoff ohnehin geschickter ist, als ein Film.

Habt ihr His Dark Materials gelesen und wie gefällt euch das Epos des Briten? Und wie steht ihr im Allgemeinen zu Fantasy, die sich so sehr im Symbolische bewegt wie Pullmans Reihe. Hinterlasst mir doch einen Kommentar (:

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. bhillreiner sagt:

    Ach ja, diese Trilogie.
    His Dark Materials ist wirklich ganz und gar unglaublicher Lesewahnsinn:-)
    Jeder Teil für sich ist ein Abenteuer und steht ganz für sich. Da fallen mir sofort Dutzende Momente und Orte in jedem einzelnen der Bücher ein. Einfach nur wow! 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. HIS DARK MATERIALS gehören zu meinen absoluten Lieblingsbüchern! Freut mich, dass sie dir auch gefallen haben. Besonders gelungen finde ich die intensive Beziehung zwischen Lyra und ihrem Daemon Pan. Als im ersten Band … du-weißt-schon-was … passiert, war ich total geschockt und ergriffen. Mir kriecht immer noch die Gänsehaut über den Rücken, wenn ich daran denke. 🙂 Ich sollte die Trilogie noch einmal lesen.

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    1. Florian Born sagt:

      Ich hab sie auch schon das zweite Mal gelesen und bin auch ziemlich froh darüber. Viele Dinge fallen einem erst wirklich auf, wenn man es zum zweiten Mal liest. Vor allem, wenn es um die Symbolik geht, die Pullman so gerne verwendet.

      Außerdem war ich beim ersten Lesen ungefähr 13 oder 14 -> keine Chance, dass ich irgendetwas im letzten Band verstanden hätte 😀

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      1. Bei mir wäre es schon das dritte Mal, wobei das zweite Mal vielleicht auch schon zehn Jahre zurückliegt. Ups. Beim ersten Mal muss ich auch um die 14 Jahre alt gewesen sein und habe seeehr lange gebraucht, weil ich die Bücher auf Englisch geschenkt bekommen habe. Da ist mir tatsächlich Vieles entgangen, obwohl ich trotzdem fasziniert war. Ich finde es spannend, an sich selbst nachzuvollziehen, auf wievielen verschiedenen Ebenen man ein Buch lesen kann.

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  3. Florian Born sagt:

    Das hast du wirklich Recht. Allerdings ist mir das erst bei Pullman wirklich bewusst geworden. Andererseits habe ich noch nicht sooooo viele Bücher zwei Mal gelesen 😀

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