Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leiden sie noch heute!

von Jessica Braunegger

Zu einer erfüllten Kindheit gehören Märchen genauso dazu wie Disney-Filme. Am besten Disney-Verfilmungen von Märchen. Kleine Mädchen auf der ganzen Welt foltern tagtäglich die Ohren ihrer Eltern, wenn sie lauthals die Lieder mitsingen. Und wenn man dann groß ist, denkt man voller Nostalgie an die Filme zurück, die uns in unserer Kindheit so begeistert haben. Was einem aber oft nicht bewusst ist: Disney hat den Märchen den Großteil ihrer Brutalität genommen. Wenn man genau darüber nachdenkt, wird einem erst bewusst, wie sehr.

Under the sea

„Arielle, die Meerjungfrau“ zählte als kleines Mädchen zu meinen liebsten Disney-Filmen. Auch wenn ich damals schon nicht verstanden habe, warum eine Meerjungfrau ihre Flosse und ihr cooles Unterwasserdasein für einen Menschen aufgeben möchte, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Das Originalmärchen dazu heißt „Die kleine Meerjungfrau“ stammt vom dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen. Dieser hat im Gegensatz zu Disney seiner Protagonistin keine glückliche Hochzeit am Ende beschert.

Die kleine Meerjungfrau ist die jüngste und schönste Tochter des Meerkönigs. Durch Erzählungen ihrer Großmutter über die Menschenwelt sehnt sie sich schon als Kind danach. Im Alter von 15 Jahren erlaubt ihr Vater ihr zur Meeresoberfläche zu schwimmen, wo die Meerjungfrau einen Prinzen erspäht in den sie sich augenblicklich verliebt. Ein Sturm zieht auf und das Schiff sinkt, die Meerjungfrau rettet ihren Prinzen und bringt ihn sicher an den Strand. Dort wird er von einem fremden Mädchen gefunden, von dem er denkt, dass sie seine Retterin ist. Die arme Meerjungfrau muss tatenlos zusehen.

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Kein Glück für sie (Bild von melaniedelon)

 

Sie findet heraus, dass Meermenschen im Gegensatz zu normalen Menschen keine Seele besitzen, die nach ihrem Tod weiterlebt – es sei denn sie würde die Liebe eines Menschen gewinnen. So geht sie zur Meerhexe, die ihr als Tausch für ihre Stimme einen Trank gibt, der der Meerjungfrau anstelle ihrer Fischflosse Beine wachsen lässt. Die Verwandlung lässt sich nicht rückgängig machen – sollte sich der Prinz nicht in sie verlieben, bekommt sie keine Seele und verwandelt sich in Meeresschaum.

Der Prinz trifft am Strand auf die nun stumme Ex-Meerjungfrau und führt sie in sein Schloss. Allerdings hat er sich bereits in das Mädchen verliebt, das er für seine vermeintliche Retterin hält und heiratet sie. Der erste Sonnenstrahl nach der Hochzeitsnacht wird die Meerjungfrau töten, deswegen raten ihre Schwestern ihr vorher den Prinzen zu töten – das würde sie zurückverwandeln und ihr Leben retten. Trotzdem bringt sie es nicht übers Herz und stürzt sich ins Meer. Aufgrund ihrer Selbstopferung stirbt sie aber nicht, sondern verwandelt sich in einen Luftgeist, wodurch sie die Möglichkeit bekommt eine unsterbliche Seele zu erlangen.

Bibbidi-Bobbidi-Boo

Ein weiterer Disney-Film, der bei jeder kleinen Prinzessin das Herz höher schlagen lässt, ist „Cinderella“. Wär hätte nicht gerne selbst eine gute Fee an seiner Seite? Ursprünglich stammt das Märchen von den deutschen Gebrüdern Grimm und heißt „Aschenputtel“. Anders als die kleine Meerjungfrau bekommt Aschenputtel am Ende ihren Prinzen, allerdings gibt es hier keine gute Fee und auch ein paar grausige Details, die Disney seinem Publikum vorenthalten hat.

Die junge Tochter eines reichen Kaufmanns führt ein schönes Leben, bis ihre Mutter stirbt und ihr Vater eine neue Frau findet. Diese bringt selbst zwei Töchter mit ins Haus und entwickelt das Hobby, der Kaufmannstochter gemeinsam mit ihren Töchtern das Leben zur Hölle zu machen. Da diese fortan am Herd schlafen muss, wird sie Aschenputtel genannt. Als ihr Vater auf Reisen geht, bringt er auf Aschenputtels Wunsch hin einen Haselzweig mit, den sie am Grab ihrer Mutter einpflanzt. Daraus wächst ein Baum, der Aschenputtel Wünsche erfüllt, wann immer sie ihm ihr Leid klagt.

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Na gut, für sie schon (Bild von LiaSelina)

 

Der König lässt ein dreitägiges Fest ausrichten, damit sein Sohn endlich eine Gemahlin findet. Aschenputtel darf natürlich nicht hin und muss Hausarbeit erledigen. Zwar schafft es sie mit Hilfe des Haselbaumes, der ihr Tauben zur Seite stellt, alles rechtzeitig zu erledigen, aber sie muss trotzdem daheim bleiben. Erneut erfüllt ihr der Baum einen Wunsch und bringt ihr ein prächtiges Kleid.

Am Ball verfällt der Prinz ihr natürlich sofort, ihre Familie hingegen erkennt Aschenputtel nicht. Am ersten und am zweiten Abend gelingt es ihr, sich vor Mitternacht davonzustehlen, damit ihre Stiefmutter nichts von ihrer Abwesenheit erfährt. Der Prinz ist es allerdings leid, dass seine Geliebte sich immer davonschleicht und lässt am dritten Abend die Schlosstreppe mit Pech bestreichen, wo Aschenputtel bei ihrer Flucht einen ihrer Schuhe verliert.
Fortan zieht der Prinz mit dem Schuh umher, um seine Geliebte wiederzufinden. Aschenputtels Stiefschwestern schummeln um in den Schuh zu passen. Die erste schneidet sich den großen Zeh ab, die zweite die Ferse. Dem Prinzen fällt das Blut allerdings auf und er findet schlussendlich doch die Richtige. Bei der Aschenputtels Hochzeit erhalten die Stiefschwestern schließlich ihre gerechte Strafe, denn ein paar Tauben picken ihnen die Augen aus.

Once upon a dream

Der größte WTF-Moment kommt jetzt mit „Dornröschen“, der als Kind mein absoluter Lieblingsfilm war. Das gleichnamige Märchen stammt wie „Aschenputtel“ von den Gebrüdern Grimm und ist mit Abstand das heftigste Märchen in dieser Auflistung. Auch wenn die Geschichte einer schlafenden Schönheit auf den ersten Blick anderes vermuten lässt.

Nach langem Warten wird einem Königspaar endlich ein Kind geboren. Aus Freude über die Geburt des Mädchens lädt er das gesamte Reich zu einem Fest ein, darunter zwölf Feen. Die dreizehnte Fee wird übergangen, da es ein Geschirr zu wenig gibt. Aus Rache belegt die dreizehnte Fee das Mädchen mit dem Fluch, dass es sich an seinem fünfzehnten Geburtstag an einer Spindel sticht und sterben soll. Eine der Feen schafft es, den Fluch umzuwandeln, sodass die Prinzessin „nur“ mehr in einen hundertjährigen Schlaf verfällt. Daraufhin lässt der König alle Spindeln im Reich verbrennen.

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Und in ihrer Haut will sicher keiner stecken (Bild von Charlie Bowater)

 

Die Prinzessin entdeckt an ihrem fünfzehnten Geburtstag ein Turmzimmer, in dem eine alte Frau sitzt und spinnt. Das naive Ding will es auch mal versuchen und sticht sich natürlich. Der gesamte Hofstaat fällt gemeinsam mit ihr in den Schlaf und ums Schloss wuchert eine undurchdringliche Dornenhecke. Nach hundert Jahren verwandeln die Dornen sich in Rosen, wodurch ein Prinz ins Schloss zur Prinzessin gelangen kann. Er küsst die Prinzessin, woraufhin alle erwachen und eine große Hochzeit gefeiert wird. In der Erstfassung allerdings küsst der Prinz Dornröschen nicht wach, sondern vergewaltigt sie im Schlaf. Erst nach der Geburt ihres zweiten Kindes erwacht sie, als sie das Kind schreien hört.


Suizid, abgetrennte Körperteile und Vergewaltigung – kein Wunder, dass Disney seine Kinderfilme verharmlost. Meiner Meinung nach ist das alles andere als kindgerechter Content. Auch wenn diese Märchen Klassiker sind, haben mir die Originalfassungen als Kind immer Albträume bereitet. Das kann aber auch an meiner Uroma liegen, die Märchen auf ziemlich gruselige Weise erzählt. Ich persönlich bevorzuge deshalb auch heute noch die Versionen in denen alles Friede, Freude, Eierkuchen ist.

Kennt ihr noch andere Märchen, die im Original eine Spur anders verlaufen, als in ihren Disney-Umsetzungen? Und welche der beiden gefallen euch besser? Hinterlasst mir doch einen Kommentar (:

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wortman sagt:

    Die Gebrüder Grimm waren nicht sehr zimperlich in der Aufarbeitung der ganzen Märchen 😉
    Für den Happy – Effekt hat dann später Disney gesorgt…

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    1. Florian Born sagt:

      Oh ja 😀
      Man denke nur an Hensel und Gretel 😀

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      1. Wortman sagt:

        Hänsel medium oder gut durch? 😉

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