Gedankenspiele: Blockiert Magie Fortschritt?

Einige wenige von euch, die mein Geschreibsel hier schon ein wenig länger verfolgen – an dieser Stelle ein Danke dafür, dass ihr das so lang ausgehalten habt – werden sich vielleicht noch an einen Artikel aus dem letzten Jahr erinnern, in dem ich über die ungewöhnlichen Fortschritts-Strukturen von fernen Welten geschrieben hab. Alle anderen mögen sich bitte hier diesen Artikel ansehen, weil der hier baut mehr oder weniger auf dem anderen auf.

Damals kamen wir in den Kommentaren darin überein, dass das Thema noch ein wenig mehr hergibt, als das, was ich schon geschrieben hatte. Insbesondere bei einer Frage wurde uns das sehr schnell klar: Blockiert Magie Fortschritt? Also können sich Ferne Welten, in denen Magie existiert, gar nicht groß weiterentwickeln, weil die schiere Existenz von Magie jeglichen Fortschritt verhindert?

Wenn man zunächst mal einen Vergleich mit unserer Welt anstellt, dann… Dann wird man feststellen, dass es hier keine Magie gibt! Das auch, aber man wird auch eine Institution finden, die magischen Vereinigungen nicht unnähnlich ist: die Kirche. Klingt erstmal schräg, weil ich hätte noch nie von einem Pfarrer gehört, der einen Feuerball durch die Gegend ballert. Der Vergleich hinkt aber weit weniger, als es den Anschein haben mag.

Kirche und Magie?

Die Kirche und magische Institutionen ferner Welten sind einander deshalb ähnlich, weil sich der Stellenwelt, den sie in ihrer jeweiligen Welt haben, nicht besonders voneinander unterscheidet. Sie sind – zumindest in sehr vielen Fällen – die spirituellen Führer ihrer Welt und haben auch einen ziemlichen Einfluss auf die Politik. Dabei können sie die Menschen – oder was auch immer – ziemlich gut unter ihrer Kontrolle halten und jegliches fortschrittliche Potential, das sich vielleicht entwickeln mag, im Keim ersticken.

Der alte Knacker schaut ja eigentlich recht nett aus (Bild von Manweri)
Der alte Knacker schaut ja eigentlich recht nett aus (Bild von Manweri)

Wenn ich auf unsere eigene Welt verweisen darf: Bei uns hat es bis zur Aufklärung gedauert – also bis zu dem Zeitpunkt, als wir uns wenigstens ein wenig von der Kirche emanzipiert hatten – bis die ersten wirklichen Entwicklungen Einzug hielten – zumindest in Europa. Dann ging zwar tatsächlich alles recht fix, aber trotzdem: Wir mussten uns erst von der römischen Kontrolle befreien, bis was weiterging.

In fernen Welten haben magische Institutionen diese Kontrolle über die Leute. Natürlich nur in jenen, in denen Magier gleichzeitig auch die spirituelle Führung haben. Es gibt auch genügend Welten, in denen anderes der Fall und es sowohl Magier als auch Priester gibt. Selbst, wenn Magier aber nicht durch spirituelle Macht über die Bewohner so etwas wie Fortschritt blockieren können, haben sie noch andere Möglichkeiten dazu.

Magie und Fortschritt?

Tatsächlich werden es in den meisten Welten in erster Linie nicht die Magier selbst sein, die Fortschritt blockieren, sondern ihre Fähigkeiten. Das ist dabei nur eine logische Konsequenz. Warum sollte ich Unmengen an Arbeit und Gedanken in die Entwicklung von fortschrittlicher Technologie stecken, wenn es doch Magier gibt, die all das eh schon können.

Der eher weniger... (Bild von Fetsch)
Der eher weniger… (Bild von Fetsch)

Hinzu kommt noch die Tatsache, dass Magier – wie in unserer Welt die Kirche – meist den größten Wissensstand ihrer Welt haben, während einfache Leute nur sehr schwer an Wissen gelangen können. Es muss also zuerst mal etwas passieren, das das Wissen so weit umverteilt, damit es in die Hände der einfachen Leute gerät. Die Magier werden schließlich keine Technologien entwickeln, die ihren Rang in der Welt untergraben könnten.

Bei diesen beiden Punkten gehe ich übrigens davon aus, dass Magier einen Haufen Macht haben, den sie auch nicht hergeben wollen, also dass eine große Organisation hinter den Magiern der Welt steht. Wenn Wissen über Magie – ein wenig Sith-like – nur von Meister zu Schüler weitergegeben wird, schaut die Sache natürlich schon wieder ganz anders aus.

Fortschritt und Freiheit?

Je bessere Möglichkeiten das einfache Volk hat um sich potentiell gegen Magier zu wehren, desto geringer wird vermutlich auch der Stellenwert werden, den die Magier inne haben. Natürlich auch abhängig davon, was die Kräfte von Magiern bewirken können und was nicht. Wenn ein magisch Begabter eine Kanonenkugel im Flug aufhalten und schneller ein Gebäude errichten kann als Menschen mit Kränen, dann wird er sich sicher wengier vor Fortschritt fürchten als im anderen Fall.

Aber mit solcher Macht; wer wär da schon nett? (Bild von Cruenta)
Aber mit solcher Macht; wer wär da schon nett? (Bild von Cruenta)

Natürlich hängt auch viel davon ab, wie viele Magier es gibt. Kann es jeder zweite oder dritte, wird kein Verlangen nach Fortschritt entstehen. Zumindest solange nicht, wie die Magier die anderen nicht unterdrücken. Bei einer gelungenen Integration in die Gesellschaft also nicht. Wenn nur jeder hunderdste oder vielleicht noch weniger Magier werden kann und die nicht besonders mächtig sind, wird Fortschritt wiederum leichter entstehen, da das Verlangen danach größer ist.

Aber zum Fazit, ehe ich mich um Kopf und Kragen schreibe: Magie muss Fortschritt nicht unbedingt blockieren, es kann jedoch vorkommen, wenn a) Magier so mächtig und zahlreich werden, dass kein Verlangen danach entsteht, b) Magier jegliches Wissen so weit horten, dass niemand außerhalb der Magierschaft dazu gelangen kann und das normale Volk von den Magiern quasi zurückgehalten wird oder c) die Magier aus Gründen des eigenen Machterhalts großen politischen und/oder spirituellen Druck auf das Volk ausüben, sodass eine tatsächliche Entwicklung von fortschrittlicheren Technologien eine zu große Gefahr darstellt.


So weit also meine Gedanken zum Blockieren von Fortschritt durch Magie. Aber wie seht ihr die Sache? Stimmt ihr meinen Faktoren zu, seid ihr der Meinung, es gibt noch andere, oder glaubt ihr, dass meine Ideen ziemlicher Müll sind? Hinterlasst mir doch einen Kommentar (:

Advertisements

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Zeilenende sagt:

    Ah, wirklich ein ergiebiges Thema, in der Tat. In unserer Welt wird Fortschritt nach wie vor gern durch den guten alten Paradigmenwechsel erklärt, d. h. die Änderung der Denkungsart. In der Renaissance war das die Hinwendung zum Experiment, d. h. die Isolierung einzelner Naturphänomene als einzelner Phänomene, die der Forschung zugänglich wurden. Im 20. Jahrhundert könnte man die Hinwendung zu einer neuen Physik (Relativitätstheorie, Quantentheorie, Teilchenphysik) als neues Paradigma bezeichnen. Atomkraft und Internet sind übrigens zwei gute Beispiele dafür, dass „einzelne Erfindungen“ in recht kurzer Zeit Gesellschaften fundamental verändern und Massen an neuen Produktionsweisen nach sich ziehen können.
    Bleiben wir mal bei dem Modell. Denn das passt gut zu deiner Überlegung. Es gibt in einer Welt der Magie eine etablierte Weltdeutung, die uns die Magier geben. Was ihren Lehren widerspricht, ist entweder Unsinn, unbrauchbar oder Häresie.
    In der Wissenschaft kommt es immer dann zum Paradigmenwechsel, wenn eine etablierte Theorie mit Phänomenen konfrontiert wird, die sich durch die etablierte Theorie, das Paradigma, nicht erklären lassen oder diesem gar widersprechen. Oder alternativ, wenn sich eine andere Theorie als leistungsfähiger erweist. Ich würde, um das Modell zu benutzen, deshalb Magie mit unserer heutigen Ingenieurswissenschaft und Physik vergleichen. Ich kann auch keinen Computer konstruieren, nur von der Magie der Ingenieure profitieren. Auch unsere Ingenieure haben privilegierten Zugang zu einem Geheimwissen … Im weiteren Sinne.
    Die Magie funktioniert in der magischen Welt ganz gut, egal ob Magier zugleich spirituelle Führer sind oder nicht. Es gilt einfach: Probleme lassen sich nur mit Magie lösen. Wer meint, durch irgendwelche Maschinchen ginge es noch besser, ist in der Welt automatisch der Irre, weil er vom Paradigma abweicht, so wie in den Anfangstagen der Atomphysik, die Vorstellung der Energiegewinnung aus der Spaltung von klitzekleinen Atomen, auch etwas irre war.
    Von daher blockiert Magie in der Tat den Fortschritt, aber auch nur, weil sie gut funktioniert und es keinen Bedarf an einer Änderung gibt. Die reaktionäre Gesellschaftsordnung vieler Fantasywelten würde ich davon unabhängig sehen. Deren Ursache liegt eher daran, dass niemand sich raut, mit dem geliebtwn paternalistischen Genreklischee zu brechen. 🙂

    Gefällt mir

    1. Florian Born sagt:

      Auch ein sehr schöner Ansatz muss ich sagen 🙂

      Gefällt mir

  2. Carmilla DeWinter sagt:

    Hm. Interessante Frage – die jeweilige Antwort ist vom Weltenbau abhängig. Von dem, was Magie kann oder nicht. Bei mir sind die Optionen durchaus eingeschränkter als bei Harry Potter, insofern fragen sich die Leute schon mal, ob es wirklich sinnvoll ist, das Schiff als Magier direkt anzuscheiben, oder ob’s nicht eine magisch angetriebene/aufgeladene Schraube auch tun würde … und wozu auf Segel verzichten? Ist immerhin kostenlose Energie.
    Außerdem bin ich wie mein Vorredner zu dem Schluss gekommen: Wenn es genug Frauen gibt, die ihren Kerlen den Hintern versengen können, sieht die Welt unter Umständen ganz anders aus. Du musst es bloß zu denken wagen. (Oder erstmal merken, dass du in einer von zahlreichen möglichen Denkfallen sitzt.)

    Gefällt 1 Person

    1. Florian Born sagt:

      Ja, die Faktoren sind ja wirklich ziemlich endlos 😀
      Und ich muss hinzufügen, dass ich die Vermischung von Magie mit Fortschritt bewusst außen vor gelassen habe (siehe vorangegangener Artikel zum Thema 😉 ). So hast du natürlich recht 🙂

      Gefällt mir

      1. Leycarno sagt:

        Ah ok, dann erspare ich mir den Kommentar. Denn die Vermischung finde ich persönlich einen interessanten Aspekt. Hinzu kommt, dass Magie für mich auch etwas „wildes“ haben kann, während Religion fast immer die Stellung einnimmt, die du damit meinst.

        Gefällt 1 Person

        1. Florian Born sagt:

          Ja natürlich. Die Wildheit der Magie – jenseits aller Institutionen und lediglich von einem Magier zu nächsten weitergegeben ist durchaus möglich. Auch die Magie als eine Urform, die die Sterblichen nicht beeinflussen können, kann man sich vorstellen. In dem Fall wäre natürlich wieder ihr Bezug zur Magie ein gänzlich anderer. Ersterer Fall hinge wieder davon ab, wie viele diese Gabe haben und wie mächtig die sind.
          In zweiterem Fall hingegen könnte es sein, dass sich Fortschritt sogar noch schneller entwickelt, um die Mächte der Magie irgendwie im Zaum halten zu können.

          Gefällt 1 Person

        2. Leycarno sagt:

          Ich war mir dessen noch nicht bewusst – oder es ist einfach durch deine Zeilen inspiriert – aber die aktuell von mir in der Konzeptphase befindliche Variante hat grade neue Aspekte erhalten… 😉

          Gefällt 1 Person

        3. Florian Born sagt:

          Freut mich, als Inspiration dienen zu können 😀

          Gefällt mir

  3. Der Artikel ist witzig, denn man kann in ihm „Magie“ durch viele andere Worte ersetzen (Aberglaube, Religion, Kommunismus, Demokratie, Voodoo, Eitelkeit, Größenwahn) und er würde immer noch Sinn machen, denn die Argumentation geht davon aus, dass jemand eine Art Vorherrschaft hat. Wie sie begründet ist, ist austauschbar. Hier also Magie.

    Interessanterweise wissen wir aus der Geschichte unserer Welt, dass bestimmtes Geheimwissen bzw. bestimmte Institutionen den Fortschritt gehemmt haben, aber sie haben ihn niemals aufgehalten. Spätestens wenn es ein Ungleichgewicht zwischen Herrschern/Wissenden und Beherrschten/Unwissenden gibt, was in den meisten Weltensystemen der Fall ist, wird es Fortschritt, auf welcher Basis auch immer, geben. Hier wird immer die Triebkraft sein, das Gleichgewicht herzustellen.
    Beispiel: Gehen wir davon aus, ein Magier braucht eine gewisse Zeit, um einen Feuerball oder Zauber zu wirken. Was spräche dagegen, etwas zu entwickeln um ihn eben daran zu hindern? Der Gedanke einer Entwicklung ist nicht zwingend etwas Neues zu erschaffen, sondern auch etwas Bestehendes/Bekanntes zu verhindern. Unglaublich viele Entwicklungen unserer Geschichte sind aus der Not entstanden.

    Fazit: Magie kann Fortschritt hemmen, aber nicht blockieren.

    Mir gefällt Zeilenendes Einwand „Auch unsere Ingenieure haben privilegierten Zugang zu einem Geheimwissen … Im weiteren Sinne.“
    Jepp, ein wichtiger und interessanter Aspekt.

    Tatsächlich ein Thema, zu dem man viel Schreiben kann.

    Gefällt mir

    1. Florian Born sagt:

      Schöner Gedanke, den ich selber gar nicht mal so wahrgenommen habe. Kann ich dir aber auf jeden Fall nur zustimmen 😉

      Gefällt mir

Sagt mir eure Meinung!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s