Über das Fehlen weiblicher Antagonisten

Titelbild von Medusa04.

Ich bin eigentlich kein Feminist. Also zumindest kein Feminazi. Wär auch irgendwie kontraproduktiv, wenn ich wollte, dass ich mal schlechter dastehe. Neulich ist mir aber etwas aufgefallen, von dem es mich wundert, dass deshalb noch keine Feministin auf die Barrikaden gegangen ist und vor Wut schäumend den Tod aller Männer besungen hat.

Obwohl. So gesehen macht es sogar Sinn, dass das noch keine gemacht hat. Aber ich schweife ab. Zur Sache:

Es gibt in der Fantasy und Science Fiction – aber auch in sehr vielen anderen Genres – keine weiblichen Antagonisten. Und nur damit wir uns richtig verstehen: Ich meine damit nicht einfach nur böse Frauen/weibliche Wesen, sondern wirklich das eine ultimative Böse dieser einen Geschichte. Also keine Handlanger oder Nebenfeinde, sondern die Nemesis des Helden. Der Teufel in Person. Et cetera.

Es gibt doch sicher welche, oder?

Natürlich, ich mag mich irren. Ich stelle hier gar nicht meine Unfehlbarkeit in den Raum. Aber ich hab wirklich eine Weile überlegt (etwa zwei Stunden), mit meinen beiden Korrespondentinnen debattiert und bin auf nur wenige Ausnahmen meines Fundes gestoßen:

Disney-Filme

Yay, Disney-Filme! Die haben auch mal bösen Frauen. Also, nur damit ihr ungefähr Bescheid wisst. Ich spreche von

  • der bösen Königin
  • Maleficent
  • Ursula
  • Cruella de Ville
  • Mother Gothel
  • der bösen Stiefmutter
  • Sira (also die böse Löwin aus Lion King 2)
  • der Herzkönigin
  • und Izma.

Also nochmal: Yay, Disney!

Märchen

Einiges wiederholt sich hier zu den Disney-Filmen. Aber es kommen auch noch andere Besitzer zweier X-Chromosome hinzu. Also die Witch of the West, die Eiskönigin (also die von Andersen und nicht die von Disney), die kannibalische Hexe und so weiter.

Animes

In Animes lassen sich auch noch ein paar Vertreter finden. Vor allem Miyazaki weist eine gewisse Tendenz in diese Richtung auf. So zum Beispiel die Witch of the Waste (sic!) oder Yubaba. Auch wenn sich hier beide im Laufe der Geschichte verbessern. Noch ein Beispiel: Queen Beryl aus Sailor Moon.

Rest

Weitere Ausnahmen finden sich noch bei Supernatural oder C. S. Lewis‘ Narnia. Außerdem ein paar Fälle, die wir mal als Streitfälle verbuchen können. Denn sind Alien-Königinnen, wie bei Star Trek, Stargate oder Alien zu finden, wirklich als Frauen zu bezeichnen?

Warum ist das ein Problem?

Ihr wisst jetzt also, dass es einen gehörigen Mangel an weiblichen Antagonisten gibt. Es gibt zwar so einige böse oder irre Frauen, aber in den allerseltensten Fällen können wir bei denen wirklich von dem Prime Evil, dem ultimativen Bösen, dem wahren Antagonisten sprechen. Doch warum finde ich, dass das ein Problem ist? Frauen kommen ja dadurch eigentlich ziemlich gut weg, nicht wahr?

Klar. Wenn Frauen immer nur die guten, lieben und stolzen Charaktere sind, ist das auf den ersten Blick doch eigentlich zum Vorteil für die Hardcore-Feminisistinnen zu sehen. Denn Frauen sind hierbei die guten und Männer die Bösen. Im Vergleich zu Märchen, als Frauen ausschließlich Opfer oder böse waren und letzten Endes ein Mann gebraucht wurde, um die holde Maid von der alten Schreckschraube zu retten, haben die heutigen Geschichten, in denen Frauen Helden und Männer Feinde sind, einen halbwegsen Schritt nach vorne gemacht.

Aber können wir das wirklich gutheißen? Feminismus möchte sich ja nach Definition mit der Gleichberechtigung und der Gleichstellung von Mann und Frau auseinandersetzen. Wenn Frauen aber nie die Bösen sein dürfen, kann ich daraus nur einen einzigen Schluss ziehen. Und der lässt das sogenannte „schöne“ Geschlecht nicht wirklich gut dastehen:

Wir trauen Frauen die Boshaftigkeit nicht zu.

Denkt mal drüber nach. Dadurch, dass wir Frauen stets die Rollen der Guten, der Heldinnen oder allerhöchstens der irren Helferleins zugestehen, nehmen wir ihnen als Geschlecht wahre Macht: das Böse. Wir trauen es ihnen in Geschichten nicht zu, dass sie einem Angst machen. Dass sie große Pläne zur Weltherrschaft haben. Dass sie das Mastermind hinter sinistren Organisationen sind. Nein. Das sind stets weiterhin Männer.

Erneut: Das klingt doch eigentlich nicht schlecht für Frauen. Sie sind per se nicht böse, sondern gut. Sie stehen in ihrer Weisheit über den Männern.

Aber dennoch. Können wir das gut heißen? Können wir wirklich ernsthaft behaupten, dass wir einen gesellschaftlichen Status erreicht haben, in dem die beiden Geschlechter absolut gleichberechtigt sind, wenn wir es nicht einmal schaffen, Frauen als Bösewichte zu akzeptieren?

© GIPHY
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Hört auf Jessica Day. Die weiß, wovon sie redet.

Aber wirklich? Ist es nicht ein wenig traurig – oder eher sehr traurig –, dass wir es Frauen nicht zutrauen, dass sie wirklich böse sind? Gut, ja, irre, ja, zumindest ein bisschen böse, auch ja, aber eben nicht das ultimative Böse einer Geschichte? Obwohl es doch so viele große Bösewichte gibt, die man eigentlich auch mit Frauen besetzen könnte?

Positive Entwicklung

Aber ich möchte ja nicht ausschließlich den Teufel – oder eher die Teufelin – an die Wand malen, sondern auch ein wenig Lob verteilen. Marvel Studios zum Beispiel möchte dem in seinen beiden Filmen von 2017 etwas entgegensetzen. Laut Medienberichten sollen sowohl der Antagonist von „Thor: Ragnarok“ als auch der von „Guardians of the Galaxy: Vol. 2“ eine Antagonistin sein.

Da das aber nicht reicht, an dieser Stelle ein Appell an alle Autoren:

Macht eure Antagonisten weiblich! Die Welten der Phantastik brauchen einfach mehr böse Frauen. Auch ich gelobe Besserung in dieser Hinsicht und habe schon einige gehörige Änderungen in den Plänen zum NWP angebracht. Denn Frauen können genauso sinister, fies und machtversessen sein wie Männer. Ein Blick in die Realität genügt, um das zu beweisen.

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17 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ja, du hast geschafft, dass ich jetzt wirklich ernsthaft über das Thema nachdenke. Denn Geständnis 1 so wirklich böse ist bei meinen Charakteren im Stern von Erui keiner. Und Ja, das ultimative Böse, die Verkörperung aller Schlechtigkeit ist männlich besetzt.
    Warum ich das getan habe hatte für das Buch seine Gründe. Aber ob es da wirklich in der modernen Literatur gar nichts gibt? Du hast ja selbst ein paar Beispiele gebracht. Und ich kenne zumindest einige Werke, die im Werden sind, bei denen ich den weiblichen Charakteren nicht begegnen wollen würde.
    Um mir wirklich ein umfassendes Bild zu machen, komme ich aber im Moment selbst zu wenig zum Lesen. Aber ja, es bringt mich zum Nachdenken.

    Danke für diesen Artikel.

    Gruß Sylvia

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    1. Florian Born sagt:

      Hallo Sylvia,
      Wir haben ja auch schon kurz auf FB geschrieben (danke an dieser Stelle nochmal für den Share).
      Wie ich geschrieben habe: Ich möchte hier in keinster Weise Vollständigkeit vorgaukeln. Aber wir haben zu dritt wirklich eine Weile überlegt, aber wirklich viele echte Bösewichtinnen sind da trotzdem nicht rausgekommen.

      Ad Bücher im Werden: Sehr gut so!

      Und gerne doch 😉

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  2. Zeilenende sagt:

    Und bitte, bitte, macht es nicht so stereotyp. Denn im Liebesroman oder auch in einigen historischen Romanen (da wies mich meine Kollegin gerade drauf hin) ist die Giftmischerin oder die neidende Nebenbuhlerin (die ja die Antagonistin darstellt) ziemlich häufig weiblich. Aber auch nur, weil es stereotype Rollen sind. Disney ist da in der Figurenentwicklung ja vorbildlich, auch was das Ausprobieren weiblicher Helden und komplizierter Familienstrukturen angeht.
    Aber ja: Du hast Recht. SF enthält sich dem meistens, indem die Bösewichter einfach aus den Geschlechter-Rollen heraustranszendiert werden. Da ist die Bedrohung dann Alien … Oder die Gesamtheit der Borg oder Romulaner (egal ob die Frau oder Mann sind). Obwohl die Borgkönigin doch sehr lasziv ist … Und die Duras-Schwestern zwei besondere Miststücke sind (und gerade weil die Klingonengesellschaft zwar vorgibt egalitär zu sein, aber doch eine männliche Machotruppe ist, sind sie besonders beeindruckend)

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    1. Florian Born sagt:

      Ja. Das ist dann auch nicht soooooo superspannend, wenn man da sitzt und schon alles mal gelesen/gesehen hat.

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  3. Jery Schober sagt:

    Hm, ich bin da wohl anders gepolt. In meinem Fantasy-Roman sind sowohl Oberbösewicht als auch Unterbösewicht weiblich. Halb Absicht, halb Zufall.
    Wobei ich dafür auch Kritik einsteckte, nach dem Motto „nee, mach einen Mann draus, die Frauen haben’s schon schwer genug, die müssen nicht auch noch die Bösen sein“.

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    1. Florian Born sagt:

      Löblich, löblich!

      *Holt Hut, setzt Hut auf, zieht Hut*

      Wie geschrieben, find ich dieses Schützen-Wollen ein wenig Fehl am Platz. Die Bösen haben schließlich viel Macht. Und die kann man Frauen auch gern mal zugestehen 🙂

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  4. Wortman sagt:

    So wirklich böse Frauen gibt es eigentlich fast gar nicht. Die disney – Riege lasse ich außen vor. Das sind keine wirklichen Böseweiber… Märchen eben oder böse und innerlich doch bisschen nett. 😉

    Ich bin auch dafür, mehr böse Antagonistinnen einzuführen. Ich bin eh kein Fan von Happy Ends.

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    1. Florian Born sagt:

      Böse Frauen ftw“;)

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      1. Wortman sagt:

        In der Realität gibt es genug 😉 Filmtechnisch kaum was.

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  5. Carmilla DeWinter sagt:

    Danaerys Targaryen ist zwar machtgierig und rücksichtslos, zählt aber noch nicht als ultimativ böse. Dito Cersei Lannister, oder?
    Meine ersten beiden Fieslinge sind männlich, das derzeitige Projekt hat eine Dame, und dann ist noch was in der Mache mit einem Wesen, das weder noch ist ist. Aber ja, danke für den Hinweis, eventuell ändert sich was am Plot des übernächsten Projekts, der noch recht vage in der Luft schwebt.

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    1. Florian Born sagt:

      Ja beide sehr grau 😉

      Und freut mich zu hören 😉

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  6. Jostruth sagt:

    Ein wirklich interessanter Artikel.

    Spontan fallen mir „Die neun Pforten“ ein. Da ist im Endeffekt eine Frau die Böse, die den Protagonisten dazu verführt, die Tore der Unterwelt zu öffnen.
    Danach wird es tatsächlich schwierig. Ich würde nicht sagen, dass Disney die bösen Frauen als Antagonisten hat. Sie existieren in den Märchen, wie beschrieben. Wilhelm Hauff hat unglaublich grausame Frauengestalten geschaffen, wenn man z.B. Zwerg Nase nennen möchte.

    Ob das nun ein Thema für den Feminismus ist? Schwer zu sagen. Ich musste auch an die Figur der Alexis aus Denver-Clan denken oder an Ashton Main aus Fackeln im Sturm. Es sind zwar keine richtigen Antagonisten, aber doch starke Rollen, die die Handlungen beeinflussten. Vielleicht tun sich Frauen selbst damit schwer böse zu sein?

    Ich glaube durchaus, das wir uns mit weiblichen Bösewichtinnen (was für ein Wort) nur sehr ungern anfreunden. Aber wer will schon eine weibliche Heldin/Bösewichtin in schwerer Rüstung sehen, die nicht aus einem Silber-BH besteht und total sexy ist? Im Grunde keiner! Wenn ich mir die Chic Lit-Szene anschaue, geht der Trend sowieso wieder zu Aschenputtel und Co. Böse will da keine sein, alle sind Prinzessinnen oder die Heldin, die den Prinzen rettet. Au weia! Da kriege ich persönlich sowieso das Würgen.

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  7. minicela sagt:

    Hat dies auf Blauer Falter Celastrina rebloggt und kommentierte:

    Hm, ein echt guter Gedankengang.
    Mehr Frauen an die (böse) Macht!

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  8. rikaautorin sagt:

    Hey , ich kenne mich ja ueberhaupt nicht aus in der Fantasy-Welt. 😉
    Ist absolut nicht meins. Aber Frauenbilder in der Literatur ,( oder auch im Film) sind wirklich eine absolute Kathastrophe. Oft habe ich den Eindruck, die jeweiligen Autoren schaffen es einfach nicht, Frauen als Menschen wahrzunehmen. Sie muessen irgendwie unvollstaendig sein, damit ein Mann ihnen den richtigen Weg zeigt. Unbedarft, lieb und unsicher. Die durch und durch boese Verfuehrerin , die den armen Mann zerstoeren will-Oder : Etwas intelligent, aber bitte nicht zu sehr. Ich habe eher das Gefuehl, wenn Frauen Macht bekommen, muessen sie boese sein. Wenn Frauen ihre Sexualitaet ausleben, haben sie psychische Probleme. Alle anderen sind die kleinen Maedchen…..Zwischen diesen beiden Extremen gibt es nichts. Da ist ganz viel Angst dabei-gar nicht mal vor einer „starken Frau“. Eher vor einer gleichwertigen, ebenbuertigen Frau. Fellini, Woody Allen, Polanski, Hemingway, Fitzgerald, Kerouac, Rimbaud, Camus….ich verehre sie als Kuenstler, muss ihr Frauenbild aber leider ausblenden. Lars von Trier ist auch ein gutes Beispiel.

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    1. Florian Born sagt:

      Hallo, Rika (?)

      Danke für den Einblick und für deinen Hinweis. Da ist auf jeden Fall etwas wahres dran.
      Es gibt aber zum Glück auch Filmmacher und Autoren, die dem im Weg stehen. ZB ruht das Schicksal der Welt in Interstellar auf den Schultern von Murph (einer Frau).

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