Warum ihr eure Erwartungshaltung aussperren müsst

Vor ein paar Wochen kam No Man’s Sky in die Regale Videospiel-Verkäufe. Genauer am 10. August. Nach mehrmaliger Verschiebung des Releases. Und die Leute waren – angeheizt durch etwaige Trailer, Bilder und Infos, die schon im Vorfeld veröffentlicht worden waren – gehypter als man es seit Ewigkeiten gesehen hatte. Aber gut. Sony hat bei den Trailern ja auch alles richtig gemacht.

Und dann kam das Spiel endlich und die Leute waren…

enttäuscht. Warum? Das Universum war langweilig. Es gab hin und wieder mal einen Bug. Und außerdem hatte man sich was ganz anderes vorgestellt.

Aber was genau hatte man sich denn vorgestellt? Skyrim in Space? Ein Fallout auf über 18 Trillionen Planeten? Ein Universum so gigantisch, dass nichtmal die ganze Menschheit gemeinsam es erkunden könne, vollgestopft mit Inhalten und Nebenquests? Hm… Da hapert es doch wo, oder?

Lasst mich eines klarstellen, bei dem mir auch viele Videospiel-Journalisten Recht geben werden: NMS ist kein schlechtes Spiel. Im Gegenteil. Es ist gut. Richtig gut sogar. Ich spiele es seit einer Weile und mir ist noch nicht langweilig geworden. Aber warum sind die Leute dann so angepisst auf Hello Games?

Der Punkt ist folgender:

Wer Skyrim in Space erwartet…

… der wird enttäuscht sein, wenn er dann das Elite des 21. Jahrhunderts – wie es Guardian-Redakteur Keith Stuart beschrieben hat – erhält.

Like the original Elite, there’s little point to No Man’s Sky, beside the promise of some narrative event at the centre of the universe. You drift from planet to planet, mining, selling and buying; there are little compulsion systems that prod you toward increasing your inventory size and following astral paths through the glittering cosmos, but you don’t have to. I like floating just above the surface of a planet, watching the details bubble into life below me; the ship’s engine makes this dull clunking sound, which seems brilliantly anachronistic in a craft capable of faster than light travel, but it adds a sort of workmanlike feel to travel. It brings back that sense that Elite provided – that you’re a lonely and vulnerable traveller, in a puny rust bucket only ever one dramatic incident away from destruction. The universe won’t care when you’re gone. The universe barely knows you’re there.

Die Leute haben also ein Spiel erwartet, das eher an Skyrim und Fallout erinnert und eines bekommen, dass näher an Minecraft dran ist. Ein Spiel, das einen bedeutend weniger mit Fiero versorgt, als die meisten es gern haben. Ein Spiel, das eher meditativ ist als spannend. Ein Spiel ohne wirkliches Ziel.

Aber ein Spiel, dass das, was es macht, ziemlich gut macht. Klar. Hie und da könnte es ein wenig mehr Abwechslung vertragen. Aber das ist nicht der Punkt. Der ist folgender:

Hört auf, Dinge anhand dessen zu bewerten, was ihr davon erwartet.

Dieser Fehler wird immer wieder gemacht. Viel zu viele Leute gehen mit einer völlig falschen Erwartungshaltung an etwas heran und können sich dann nicht umstellen, wenn diese nicht erfüllt wird. Stattdessen bewerten sie – was auch immer – weiterhin anhand ihrer Ausgangshaltung.

Ein Beispiel jenseits aller Phantastisk: Jemand freut sich schon wahnsinnig auf einen Burger, bekommt dann aber eine Pizza und regt sich auf, weil die Pizza für einen Burger nicht besonders gut war. (Anm: So etwas in der Richtung hab ich erlebt, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.)

Das ist bei NMS passiert. Aber nicht nur da.

Ein Blick auf das MCU (Marvel Cinematic Universe; also die Filme von Marvel Studios) zeigt, dass das weit öfter vorkommt, als man denkt. Zum Beispiel im Fall von Iron Man 3. Der Film erschien nach dem ersten Avengers-Teil. Die Kinobesucher hatten immer noch den im Hinterkopf und erwarteten deshalb, dass Iron Man 3 quasi ein neuer Avengers-Film würde. Doch es kam anders.

(Vorsicht! Leichte Spoiler erwarten euch im kommenden Absatz.)

Iron Man 3 ist ein Film, der sich mit Tonys Leben nach der Schlacht von New York beschäftigt. Er zeigt dessen nicht verdaute Erlebnisse, Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung und verarbeitete Tonys Beziehung zu seinem Vater. Außerdem hat der Film einen Twist, von beeindruckender humoristischer Qualität in Ben Kingsleys Mandarin.

(Ab hier ist es wieder sicher.)

Marvel setzte damit den ersten Schritt in eine neue Richtung. Sie distanzierten sich immer stärker vom klassischen Superhelden-Film in der Tradition der alten X-Men-Trilogie. Dieser Weg lässt sich bis heute verfolgen und wird sich in nächster Zeit sogar noch stärker abzeichnen.

Der Punkt ist der: .

Und der: Wer bei Iron Man 3 mit einem Film rechnet, der eines Avengers würdig ist und dann einen soliden Film bekommt, der sich mit Tonys Verarbeitung seiner selbst auseinander setzt, der muss sich eben umstellen. Was man aber nicht machen kann, ist weiter auf seinen eigenen Erwartungen pochen und einfach behaupten, dass der Film schlecht ist.

Deshalb hier nochmal:

Hört auf, Dinge anhand dessen zu bewerten, was ihr davon erwartet.

Stellt euch stattdessen darauf ein, dass ihr nicht das bekommen habt, was ihr erwartet hattet und lebt damit. Ihr werdet feststellen, dass ihr oft ganz neue Perspektiven bekommt.

Ich für meinen Teil schwing mich jetzt wieder in mein Raumschiff und flieg zum nächsten Planeten. Auch wenn er vielleicht ziemlich leer ist. Aber genau darin liegt ja auch der Punkt. Aber nicht der: .

Wie steht ihr zum Thema falsche Erwatungshaltung? Könnt ihr wechseln, wenn ihr merkt, dass etwas in eine ganz andere Richtung geht und es dann genießen? Oder habt ihr das Problem gar nicht, weil ihr euch generell von allem Hype fernhaltet? Schreibt es mir doch in die Kommentare (:


Amazing Cover-Image © KuldarLeement

Advertisements

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sehr schön geschrieben. Und ja, das ist das, was ich auch Anfang der Woche mal gemerkt habe und womit ich ziemlich unglücklich war. Die Leute sehen etwas, hören von etwas, und dann stellen sie sich vor, was sie gerne hätten.
    Ein konkretes Beispiel: Wenn ich als Autorin andere Autoren bewerte und deren Werke lese, versuche ich den Autor in mir immer auszustellen. Denn nein, das ist nicht mein Werk. Nicht mein Baby. Ich kucke, was ich geboten bekomme und versuche die Qualität dessen zu bewerten.
    Ganz oft sehe ich bei Kollegen aber dann Sätze wie: Wenn ich das geschrieben hätte, hätte ich aber Charakter X nicht mit Y verpaart sondern mit Z weil … Ist ja schön, dass du das tun würdest, denke ich dann, aber der Autor hat es nicht gemacht und hatte vielleicht sogar Gründe. Er hatte einen andere Fokus, eine andere Message.
    Das ist bei PC-Spielen genauso. Und ich finde es super, dass du das mal so deutlich sagst.

    Liebe Grüße und weiter so

    Gefällt mir

    1. Florian Born sagt:

      Ja, da erwische ich mich manchmal auch selbst noch, aber ich versuche immer zu überlegen, wie der Autor das gedacht haben könnte und mich von meinen eigenen Ideen zu distanzieren 🙂

      Und danke für das nette Feedback 😉

      Gefällt mir

  2. Wortman sagt:

    Da freu ich mich dann immer, dass ich kein Konsolen – oder PC – Zocker bin 🙂

    Gefällt mir

    1. Florian Born sagt:

      Aber kennst du den Punkt denn nicht auch von Filmen oder Büchern? 🙂

      Gefällt mir

      1. Wortman sagt:

        Bei Trailern bin ich so oft enttäuscht worden, ich habe selbst bei Filmen, die ich „unbedingt sehen will“ kaum noch irgendeine Erwartungshaltung. Außer vielleicht, dass der Film noch schlechter als gedacht ist 😉

        Gefällt 1 Person

  3. Carmilla DeWinter sagt:

    Spät wie immer … interessanter Ansatz. Ich persönlich schreibe ungern Rezis für Schreibkolleg*innen, weil ich es oft nicht schaffe, meine innere Lektorin abzuschalten, und dann denke, „den Infodump hätte ich aber gestrichen“, „Duden gibt’s doch mittlerweile online“ etc. Kudos an diejenigen, die es schaffen, diesen meinen inneren Nervpopel zum Schweigen zu bringen.

    Mir ging’s mit meiner ersten Rezi für den neuen Roman aber so: Diejenige Person hatte wohl auch ein Avengers 2 erwartet und einen Iron Man bekommen – gleiches Universum, teilweise gleiche Personen, notgedrungen eine (ziemlich) andere Story – zwei Leute können sich logischerweise nur einmal zum ersten Mal verlieben. Und meine Endgegner bleiben tot, wenn sie tot sind. Bin ja nicht Marvel … Meh.

    Gefällt 1 Person

    1. Florian Born sagt:

      Ja, das ist dann fies 🙂

      Gefällt mir

  4. nomasky sagt:

    Du stellst in deinem Post eine zentrale Frage, und was mich freut: teilst meine Meinung.

    Gefällt mir

Sagt mir eure Meinung!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s