Snatching Souls

Die Schritte der Seelensammlerin hallen laut in der Nacht wider, als ihre Füße über die Dächer flogen. In den Gassen unter ihr flieht er. Ihr Ziel. Ein Mann in weiten Gewändern, die hinter ihm herwehen. Hektisch schaut er über seine Schulter und dann hoch auf die Dächer. Als sein Blick sich mit dem der Seelensammlerin kreuzt, strauchelt er, stürzt.

Die Seelensammlerin gleitet zur Kante des Daches hinab und springt in die Gasse hinunter. Der Mann rappelt sich wieder auf und läuft weiter. Kalte Angst treibt seine Schritte an. Sie ist ihm auf den Fersen. Und schneller als er. Der Abstand verringert sich rapide, sie greift zu einem der Messer an ihrem Gürtel, doch als sie den Mann an den Gewändern packen und zurückreißen will, bricht er in sich zusammen.

Sein Körper rutscht noch einen Moment über den Asphalt und bleibt dann bewegungslos liegen. Die Seelensammlerin bleibt stehen und blickt auf den toten Priester hinab. „Fuck.“

Sie bemüht sich nicht einmal den Puls des Mannes zu fühlen. Sie weiß, dass er tot ist. Sie weiß auch, warum. „Scheiße, Lu… Ich hatte ihn fast.“ Das Messer gleitet wieder zurück in ihren Gürtel und sie wendet sich kopfschüttelnd von dem Leichnam des Manns Gottes ab. Es hatte keinen Sinn, sich über die Taten des Teufels zu beschweren. Aber scheiße nochmal, der Priester war ihr Ziel gewesen und Lucifer hatte das gewusst. Aber natürlich: Er musste ihr diese Seele ja unbedingt wegnehmen, damit er Gott wiedermal ans Bein pissen konnte. Als würde es den Allmächtigen wirklich jucken, wenn wieder einmal eines seiner Schäfchen in den Schlund gerissen wurde. Ein Priester, der sich so einfach von einem Dämon erledigen ließ, war im Krieg zwischen Himmel und Hölle ohnehin nutzlos.

Die Seelensammlerin greift zum Enterhaken an ihrem Gürtel und klettert dann wieder zu den Hausdächern empor. Der Priester war ihr zwar durch die Lappen gegangen – danke, Lu – aber die Nacht war ja noch jung. Und es war ja noch Zeit, bis sie wieder eine neue Seele brauchte. Das war das Problem, wenn man keine eigene hatte. Man musste sich entweder mit Lu oder dem Herrn gutstellen, damit die einen weiter über die Erde wandeln ließen. Oder aber man holte sich seine Seelen von anderen Sterblichen, die von einer der beiden Fraktionen zu Freiwild erklärt worden waren.

Nachdenklich strich sie sich die drei Strähnen roten Haars aus dem Gesicht und versuchte – vergeblich – wieder in ihren Zopf zu flechten. Sie fragte sich, wer dem Teufel den Deal angeboten hatte, einen Priester zu erledigen… Noch dazu so kurz, bevor sie sich um ihn kümmern konnte. Es wirkte fast ein wenig zu unwahrscheinlich. So als hätte ihr Lu ein Schnippchen schlagen wollen. Oder den Sammlern als Einheit. Nicht verwunderlich, wenn man bedachte, wie oft sie ihm in den letzten Monaten in seine Pläne gepfuscht hatten. Aber verdammt nochmal! Sie hätte ihm die Seele des Priester eh verkauft. Schon allein deshalb, weil er ihr ein besseres Angebot gemacht hätte als Gott.

Seit wie vielen hundert Jahren bestand diese Beziehung zwischen den Seelensammlern und den göttlichen Kräften – Lu und Gott – jetzt schon? 800? 900? Oder war es jetzt schon über ein Jahrtausend? Sie hatte irgendwann im Laufe ihres doch recht langen Lebens den Überblick verloren. Und immer noch glaubten die beiden, dass die Sammler den jeweils anderen warum auch immer bevorzugten.

Ein plötzliches Geräusch in den Gassen unter ihr erregt ihre Aufmerksamkeit. Schritte erklingen dort unten, gefolgt von dem Schuss aus einem Revolver. Sie huscht zur Kante des Daches und sieht zwei Anzugträger durch die Nacht hetzen. Einer trägt einen Hut und Hosenträger, seine Anzugjacke scheint er in der wilden Jagd verloren zu haben. Der andere Kerl im Nadelstreifenanzug läuft ihm nach und versucht ihn irgendwie zu Boden zu reißen und gleichzeitig den ungezielten Schüssen von ihm auszuweichen.

Eine Straßenlaterne explodiert nach dem nächsten Schuss und lässt einen Scherbenregen auf Nadelstreifen heruntergehen. Er schützt seinen Kopf und sucht dann wütend in der Dunkelheit nach Hut. Die Seelensammlerin kann in der Dunkelheit nun kaum noch etwas erkennen. Sie nimmt die Schweißerbrille von ihrem Hut herunter und setzt sie sich über die Augen. Nach einem kurzen Tippen an den Rand der Brille beginnen die Schatten zu weichen. Die Melone landet wieder am Kopf der Sammlerin, als ihre Augen des Geschehen in der Gasse verarbeiten.

Hut und hat seine Waffe weggeworfen und ist in einen Faustkampf mit Nadelstreifen verstrickt. Er weicht den Schlägen aus, steckt aber auch genug davon ein. Er selbst landet kaum Treffer bei Nadelstreifen. Schließlich trifft ihn eine Faust in den Oberschenkel, vermutlich eine schlecht verheilte Wunde aus seiner Vergangenheit, und er geht in die Knie. Nadelstreifen steht über ihm. Ein Messer gleitet in seine Hand.

Plötzlich dreht sich der Spieß um. Hut – den Hut hat er zwar schon verloren, aber die Sammlerin bleibt bei dem Namen – tritt Nadelstreifen die Beine unter dem Körper weg. Geschwind steht er wieder auf den Beinen. Seine Fuß kracht auf die rechte Hand seines Kontrahenten nieder, zwingt ihn, das Messer loszulassen. Entspannt hebt er es auf und wirft es ans andere Ende der Gasse.

„Hast du ernsthaft geglaubt, du könntest mich so einfach erledigen, Jack? Wirklich?“ Hut hebt seine Kopfbedeckung auf, staubt sie kurz ab und nimmt dann auch den Revolver wieder auf. Gelassen beginnt er ihn neu zu laden, während er weiterspricht. „Du hast dich sogar von mir hierherlocken lassen. Und nicht mal, nachdem ich das Licht ausgeknipst habe, warst du verwundert Jack?“

„Du wirst untergehen, Arschloch!“

„Wie Jack? Die Eigner sind auf meiner Seite. Die Schläger, die Huren, die Dealer. Auch die Paten. Du? Du hast ein paar Jungspunde und Großmäuler, die glauben, sie könnten die ganze Organisation mit einem Schlag zu Fall bringen. Du hast keine Chance, J…“

Die Worte von Hut verklingen ineinem Gurgeln, als eine Klinge über seinen Hals gezogen wird. Ein Mann mit langen roten Haaren und einem feinsäuberlich gestutzten Bart steht hinter ihm und führt das Messer. Hut stolpert nach vorne, greift sich an die Kehle und bricht dann in sich zusammen.

Der Seelenlose schaut einen Moment auf den Sterbenden hinab, bis dieser zu Atmen aufhört. Dann richtet er seinen Blick auf Nadelstreifen/Jack. „Der Deal ist erledigt. Die Bezahlung folgt.“

Jack nickt.

Der Seelenlose macht einen Schritt zurück und verschwindet im Nichts.

Jack schaut noch einen Moment auf Hut hinab, dann spuckt er aus und verschwindet von der Szene des Geschehens. Die Seelensammlerin steht weiter allein auf dem Dach und versucht das Gesehene zu verarbeiten. Jack musste einen Deal mit Lu abgeschlossen haben und der hat einfach mal einen Seelenlosen geschickt, um die Aufgabe zu erledigen. Einen Kerl vom gleichen Schlag wie die Seelensammlerin, nur dass er im Gegensatz zu ihr nicht Seelen sammelte sondern einfach nur ein Werkzeug des Teufels war. „Rückgradloser Kriecher“, murmelt sie.

Plötzlich kommt ihr ein Gedanke und zum zweiten Mal in dieser Nacht springt sie von einem Hausdach hinab. Federnd landet sie am Boden und geht auf den Leichnam von Hut zu. Im Gegensatz zu dem Priester war er nicht von einem Dämon geholt worden, sondern einfach nur getötet. Seine Seele müsste also noch intakt sein. Sie huscht an ihn heran und holt ein Glas von dem Gurt um ihre Brust.

Leise Worte fließen über ihre Lippen und schon beginnt sich das Glas mit grauem Rauch und Bluttropfen zu füllen. Die Seele von Hut liegt nun in ihren Händen. Zumindest so kann sie Lu ein Schnippchen schlagen, dafür, dass er ihre Jagd zuvor unterbrochen hat.

Ein Räuspern hinter ihr lässt sie über die Schulter schauen. Eine gehörnte Gestalt in einem langen Mantel ragt hoch über ihr auf. „Du hast da was, was meinem Herrn gehört.“

„Oh. Das war mir nicht klar.“ Die Seelensammlerin steht auf und schaut dem Dämon in die Augen. Er ist zwei Köpfe größer als sie, also muss sie ihren Kopf weit in den Nacken legen. „Ich dachte, dein Herr hätte mir die Seele hier überlassen, weil ihr mir vorher ein Ziel weggeschnappt habt.“

„Überspanne nicht seine Geduld, Sammlerin. Gib mir die Seele.“

„Diese Seele?“ Sie hält das Reagenz-Glas hoch und lässt den grauen Schimmer darin vor den Augen des Gehörnten herumtanzen. Dann löst sie den Korken aus dem Glas und lässt die Seele mit einer schnellen Handbewegung wieder in den Körper von Hut zurückfahren. Sie schaut den Dämon an, während der Leichnam neben ihr, der nun kein Leichnam mehr ist, sich langsam zu regen beginnt. „Ups.“

Der Dämon zieht eine Braue hoch, dann schüttelt er den Kopf. „Du willst ihn nicht zum Feind, Sammlerin. Und so machst du dir bestimmt keine Freunde.“

„Richte Lu meine Grüße aus.“ Sie lächelt den Dämon breit an und wartet, bis er wieder verschwindet. Dann gefriert ihr Gesicht und sie schaut auf Hut hinab. Der Gangster windet sich vor Schmerz, doch sie kann sehen, dass die Wunde an seinem Hals sich zu schließen beginnt. „Hey.“

Sein Kopf ruckt herum. „Fuck! Wer bist du?“

„Ich bin die, die deine Seele vor der ewigen Verdammnis gerettet hat. Und jetzt steh auf verdammt, oder willst du, dass die Kumpel von deinem Freund Jack bemerken, dass du doch nicht tot bist?“

Die Falten an der Stirn von Hut vertiefen sich, doch er nickt schließlich wortlos, erhebt sich vom Boden und folgt der Sammlerin in die Nacht.


Kurzgeschichte fertig! Auch wenn ich zugeben muss, dass sich das Ding schon wieder eher anfühlt wie ein Prolog. Und ziemlich trashy ist. Aber das macht nichts. Wird einfach die Liste an noch zu schreibenden Geschichten noch länger. weint leise

Lustig an der Geschichte ist übrigens, dass sie tatsächlich auf den beiden Halloween-Kostümen von meiner Freundin und mir basiert. Die sahen so aus:

Der Charakter Jack ist – sollte aber eigentlich aber eh aufgefallen sein – angelehnt an Jack Skellington aus Nightmare before Christmas. Nur böser eben. Hut und die Seelensammlerin haben bis dato noch keine Namen, aber vielleicht ändert sich das ja mal.

Und das ist jetzt genug der Schreiberei. Hoffe, es hat euch gefallen. Schreibt mir unbedingt in die Kommentare, wie ihr gern hättet, dass die Geschichte weiter geht 😉

Advertisements

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wortman sagt:

    Da kommt aweng die Vorliebe für Steampunk durch, oder? 😉

    Gefällt mir

  2. Carmilla DeWinter sagt:

    Steampunk ist nun nicht meine Stärke, aber als Lektorin ist mir aufgefallen, dass du zwischendrin die Zeit wechselst. Mit einigen weiteren Enttrashungsmaßnahmen wäre das sicher ein hübsches Kurzprojekt.

    Gefällt mir

    1. Florian Born sagt:

      Ja, das ist in der Kürze doch ein wenig der Trash mit mir durchgegangen 😀
      Sollte aber eigentlich auch nur so ein ganz kurzes Ding werden und nichts wirklich ernstzunehmendes. Da sind zu viele andere Ideen in meinem Kopf (auch welche mit Tiefgang), die zuerst Umsetzung verlangen 😉

      Gefällt mir

Sagt mir eure Meinung!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s