Zerwürfelte Geschichten #4 – Eine Zerw. Weihnachtsgeschichte

Kürzesterklärung: Sechs Würfel, ein Fantasy/SciFi-Chip, 500-1000 Wörter, eine Geschichte. Alles klar? Alles klar.

Die Würfel für diese Weihnachtsgeschichte sind:

IMG_20161212_181251.jpg

Ihr bekommt also von mir eine SciFi-Geschichte mit

  • einem Wohnwagen
  • Eiscreme
  • einem Bus
  • einer Explosion
  • einem Fußball
  • einem Fahrrad

Wow. Was für ein Bullshit. Egal. Hier kommt die Weihnachtsgeschichte:

Eis zu Weihnachten

von Florian Born

Die Schleuse schloss zischend hinter Mara, als sie das Shuttle betrat. Die Plätze des Transporters waren bis auf einen belegt, auf den sich nun Mara setzte. Sie warf der alten Dame neben ihr kurz ein Lächeln zu, dann holte sie ihre Holo-Brille aus der Tasche. Sie wollte sie einschalten, um die Fahrt ein wenig zu verkürzen. Natürlich nur, um festzustellen, dass der Akku bei drei Prozent stand. „Klar“, murmelte sie. „Dreihundert Jahre sind wir schon interplanetar, aber einen vernünftigen Akku kriegen die immer noch nicht hin…“ Die alte Dame warf ihr einen giftigen Blick zu und Mara beschloss, ihre Gedanken für den Rest des Flugs für sich zu behalten.

Die Brille verschwand wieder in ihrer Tasche. „Sehr geehrte Damen und Herren“, erschallte eine Stimme aus dem Lautsprecher. „Wir heißen sie herzlich auf dem Linienflug W31N8N willkommen. Der Bus wird in Kürze ablegen. Genießen sie den Flug und schon jetzt: Frohe Weihnachten.“

Weihnachten… Eine Tradition, die vor tausenden von Jahren auf Terra entstanden war und es doch irgendwie in den Habitat-Gürtel geschafft hattte. Jene Zone zwischen Terra und Mars, die gegenwärtig etwa ein Zehntel der Menschheit beheimatete. So auch Mara und ihre Familie. Seit ihrer Geburt lebte sie in C4-R4-V4N. Von den Bewohnern liebevoll auch einfach der Caravan genannt. Terra, Mars, Luna. Sie hatte nie einen Fuß auf einen der Himmelskörper gesetzt. Das weiteste, was sie bisher vom Caravan entfernt war, war ein anderes Habitat, das etwa zwei Flugtage entfernt lag. Ein Kurzurlaub mit ihren Eltern…

Sie waren über die Feiertage geflogen. Heilig Abend bis zur Jahreswende. SP-4T-1M3 war bekannt für seine großartigen Ressorts und ihre kleine Familie hatte lange auf diesen Urlaub hingespart. Mara konnte sich an riesige Wasserrutschen und gewaltige Becken erinnern. An Wasserschlachten mit anderen Kindern und Pa. Und an das Essen dort. Buffets so weit das Auge reichte.

Peinlich berührt bemerkte Mara plötzlich, dass sie mit offenem Mund ins Leere starrte und dass ihr Magen zu grummeln begonnen hatte. Verflucht, sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen, in Erwartung des Essens bei ihren Eltern. Was hatte Ma gesagt, würde es geben? Irgendeinen Fisch. Angeblich sogar von Terra importiert. Bestimmt köstlich. Auch wenn Mara den Nutzen eines Raketenstarts auf Terra nicht ganz verstand, wenn auch im Gürtel genügend Fisch gezüchtet wurde. Aber egal. Erstmal war ihr gerade das Essen wichtig. Und zu Weihnachten konnte man ja schonmal ein wenig tiefer in die Tasche greifen. War ja auch sonst schlimm genug mit dem ganzen Sparen. Zumindest hatte Pa das immer gesagt.

Deshalb hatte Mara auch immer die schönsten Weihnachtsgeschenke bekommen. Nicht dass sie besonders extravagante Wünsche gehabt hatte. Aber ihre Kindheit war nicht gerade von Flüssen aus Milch und Honig gewesen. Wie sich ihre Eltern den Urlaub damals hatten leisten können, wusste sie bis heute nicht.

Eines der besten Weihnachtsgeschenke, an das Mara sich erinnern konnte, war dieser blau-schwarze Fußball gewesen, den alle Kinder in Nachbarschaft wollten. Natürlich: Die neueste Holo-Brille wollten sie auch alle haben. Aber dieser eine Fußball, den die Helden in ihrer aller liebsten Serie hatten: Der war dann nochmal viel cooler gewesen. Und dann hatte Mara ihr Geschenk geöffnet und da lag der Ball in der Schachtel. Genauso wie der, den Wendon und Bryana hatten. Sie war ihrem Vater um den Hals gefallen und gleich darauf ihrer Mutter und dann war sie sofort raus, hatte ihre Freunde geholt und sie hatten damit gespielt.

Wieder musste Mara sich beherrschen, damit sie nicht wie der größte Idiot ins Leere grinste, aber dieses Bild das Balls, der nur zwei Wochen später gegen eine Schalttafel krachte, war einfach zu gut. Die Tafel war funkensprühend explodiert und sie war sich sicher, dass der alte Mr. Hendrick ihr bis heute nicht verzieh, dass er deshalb fast eine Woche keinen Strom in der Wohnung hatte.

Im Jahr darauf hatte Mara von ihren Eltern ein Fahrrad bekommen wie jene, die man früher auf Terra gefahren war. Mit Pedalen und ohne Motor. Zuerst war sie enttäuscht gewesen, aber nur eine Woche später war Mara schon jeden Tag auf dem Rad unterwegs gewesen. Und nicht nur sie. Alle ihre Freunde mussten im Jahr darauf auch ein Fahrrad haben. Wie eine dieser Bikergangs waren sie gewesen.

Was die heute wohl alle so machten? Bis auf Danielle hatte Mara zu keinem ihrer alten Freunde mehr Kontakt. Ob sie wohl noch im Caravan lebten? Oder doch in den Nachbarstationen? Vielleicht war sogar einer von ihnen auf eine Oberfläche gegangen? Wie das wohl wäre? Den Himmel über sich zu sehen, anstelle des Bodens auf der anderen Seite?

Ihre Gedanken schweiften weiter, bis Mara plötzlich wieder die Stimme des Piloten hörte. Sie würden in ein paar Minuten landen. Danke für die Entscheidung für… Bla bla bla… Wieder grummelte Maras Magen. Vielleicht hätte sie ja doch noch etwas essen sollen.

Egal. Bald wäre sie bei ihren Eltern. Vielleicht gäbe es ja wieder Eis zum Dessert. So wie früher. Egal, was zu Weihnachten war: Dieses Bild schoss Mara doch immer wieder in den Kopf. Sie, Ma und Pa, am Esstisch und jeder mit einer viel zu großen Schüssel Eiscreme. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie auch nur einer von ihnen je weggegessen hatte. Aber das war egal. Denn irgendwie, egal was sie gemacht hatten, egal was sie bekommen hatte, egal was heute war. Dieser Moment, mit ihnen dreien und der großen Schüssel Eis. Das war Weihnachten.Die Schleusen des Shuttles öffneten sich zischend.


Frohe Weihnachten!!! Mehr kommt hier nicht. Sorry 😉

© Cover-Image: TomWalks

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