Bist du ein Mensch?

Bevor ich auch nur anfange, diese Frage zu beantworten, muss ich gleich feststellen, dass die Formulierung im Titel nicht funktioniert. Warum? Weil ich genau weiß, dass sie viel zu leicht beantwortet werden kann, indem man sich einfach in die Hand schneidet, oder krank wird, oder ein Kind in die Welt setzt. Ja die Frage „Bist du ein Mensch?“ ist nicht wirklich richtig. Deshalb lasst sie mich ein wenig umformulieren:

Kannst du mit 100%iger Sicherheit sagen, dass du ein auf natürliche Weise geborener Mensch bist,
dass all deine Erinnerungen die deinen sind,
und dass du nicht in Wirklichkeit erst viel später erschaffen und ausgetauscht wurdest?

Besser. Das ist eine Fragestellung, mit der man auch etwas anfangen kann. Denn sind wir mal ehrlich: Wir alle wissen nur zu gut, dass wir keine Roboter sind – auch wenn manche Menschen einen anderen Anschein erwecken. Aber bevor ich mich daran machen kann, diese Frage zu beantworten, lass sie mich noch ein wenig aufschlüsseln. Fangen wir an mit dem Teil

…auf natürliche Weise geborener…

Das sollte relativ klar sein. Es geht einfach darum, bestätigen zu können, ob man wirklich so auf die Welt gekommen ist, wie das Menschen in der Regel tun. Geburt eben. Mir ist klar, dass die Erinnerungen an dieses doch recht prägende Ereignis vielleicht ein wenig schwammig sind, aber das macht nichts. Vielleicht gibt es ja so etwas wie Baby-Fotos oder – Schrecken! – ein Video der Geburt. Oder man vertraut einfach auf die Aussage der Eltern, wenn die einem bestätigen, dass man wirklich deren Kind ist. Der Punkt mit den

…Erinnerungen…

schaut da schon etwas kniffliger aus. Natürlich kann man gleich mal die Gegenfrage stellen: „Wenn es nicht meine Erinnerungen sind, wo sollen sie sonst herkommen?“ Das fiese mit Erinnerungen ist aber, dass man sich tatsächlich nicht sicher sein kann, ob die eigenen Erinnerungen wirklich so eigen sind wie man annimmt. Das Phänomen der konstruierten Erinnerung ist aber auch wirklich heimtückisch.

Und wenn wir schon davon ausgehen müssen, dass unser Hirn sich selbst verarschen kann – bzw. dass Aussagen von anderen es so sehr hereinlegen können, wie sie es tun – dann müssen wir realistischerweise auch in Frage stellen, wie viele von unseren Erinnerungen wirklich uns selbst gehören, und wie viele vielleicht nur von jemand anderem eingepflanzt wurden. Möglicherweise gleichzeitig zu dem Zeitpunkt, an dem wir

…erschaffen…

wurden? Ich gestehe, ich rutsche hier schon ziemlich in die SciFi-Schiene ab, aber halte ein! Können wir wirklich mit 100%iger Sicherheit sagen, dass es nicht irgendwo unter der Erde – oder auch darüber… – ein geheimes Labor gibt, in dem in Tanks anhand von Proben des Erbguts von Menschen Klone gezüchtet werden? Und vielleicht werden die nur darauf vorbereitet, unseren Platz einzunehmen, nachdem wir

…ausgetauscht…

wurden. Unsere Erinnerungen sind dann einfach runter- und wieder raufgeladen worden, der klitzekleine Teil mit der Entführung wird dabei einfach ignoriert genauso wie alles, was sonst mit dem unter- oder oberirdischen Labor zusammenhängt. Und dann werden wir einfach wieder auf die Straße gestellt, unseres Weges geschickt und denken uns nichts dabei, dass es doch dieses kurze Zeitfenster von ein paar Stunden gibt, an das wir uns partout nicht erinnern können.

Ja… Können wir wirklich mit 100%iger Sicherheit sagen, dass das nicht der Fall ist? Lass mich so frei sein und das gleich selbst beantworten:

Nein.

So weit wir wissen, können wir leider nicht mit 100%iger Sicherheit feststellen, dass das nicht alles der Fall ist. Ja, so weit wir wissen, könnten du, ich und der Kerl, der dich heute im Bus so seltsam angeschaut hat – Perv! –, genauso gut Drohnen eines durchtriebenen Terrorzirkels von Transhumanisten sein, die , ausgestattet mit wahnsinnig guten Kampffähigkeiten, nur darauf warten, bis irgendwann unsere persönliche Order 66 gesprochen wird und wir mit einem Schlag die großen Fische der Welt auslöschen, weshalb der Planet in Anarchie versinkt und die böse Terrororganisation die Menschheit aus den Trümmern hervorholen und die Macht an sich reißen kann.

So weit, so melodramatisch. Auch wenn wir tatsächlich nicht mit einem eineindeutigen Ja auf die Frage antworten können, die ich gestellt habe, werfe ich jetzt ein Aber in den Raum. Ein Aber in Form einer Teekanne.

c(ABER)/

Genauer in Form von Russels Teekanne, einem Gedankenexperiment. Betrand Russel meinte:

“If I were to suggest that between the Earth and Mars there is a china teapot revolving about the sun in an elliptical orbit, nobody would be able to disprove my assertion provided I were careful to add that the teapot is too small to be revealed even by our most powerful telescopes.“

Wie Russels Teekanne lässt sich auch bei meiner Frage keine wirkliche Antwort finden. Und das gilt nicht nur für die Frage, ob du, ich und der Perversling im Bus, nicht in Wahrheit Klone sind, sondern auch für alle anderen Verschwörungstheorien der Welt. Denn nur, weil es so sein könnte, heißt es noch lange nicht, dass es auch wirklich so ist. Russel führt seine Argumentation rund um seine Teekanne noch fort:

„But if I were to go on to say that, since my assertion cannot be disproved, it is an intolerable presumption on the part of human reason to doubt it, I should rightly be thought to be talking nonsense.“

Und das ist ja auch gut und richtig so. Weil sonst könnte ja auch jeder darauf bestehen, dass die Royals in Wahrheit Reptiloide sind, dass Area 51 wirklich Aliens eingesperrt hat und natürlich dass die BRD in Wahrheit nur ein Unternehmen in Händen der Allierten sei und das Deutsche Reich deshalb immer noch Bestand hat. Ja. Zum Glück kann sowas niemand allen ernstes behaupten. (zynisch sarkastischer Blick in die Kamera)

Wie? Russels Zitat um die Teekanne geht noch weiter?

„If, however, the existence of such a teapot were affirmed in ancient books, taught as the sacred truth every Sunday, and instilled into the minds of children at school, hesitation to believe in its existence would become a mark of eccentricity and entitle the doubter to the attentions of the psychiatrist in an enlightened age or of the Inquisitor in an earlier time.“

Achja! Da gabs ja was! Aber die Religionen haben ja schon irgendwo Recht. Wir können nicht mit 100%iger Sicherheit sagen, dass Gott die Welt erschaffen hat, so wie sie heute ist. Also inklusive aller gefundenen Hinweise auf die Evolution. Kann schon sein.

Es kann auch sein, dass das Universum, genau so, wie es jetzt besteht, vor acht Minuten gespawnt ist. Mitsamt unserer Erinnerungen. Es gibt keine Möglichkeit, wie wir feststellen könnten, ob es nicht vielleicht so ist. Genau wie Russels Teekanne. Oder die Klonfabrik. Aber das ist genau der Punkt. Warum müssen wir beweisen, dass etwas nicht so ist. Wäre es nicht zielführender zu beweisen, dass etwas so ist? Oder um es mit Richard Dawkins in „The God Delusion“ zu sagen:

„Russells Teekanne steht natürlich für eine unendlich große Zahl von Dingen, deren Existenz man sich ausmalen und nicht widerlegen kann. … Russells entscheidende Aussage lautet: Die Beweislast liegt nicht bei den Ungläubigen, sondern bei den Gläubigen..“

Macht ja auch viel mehr Sinn. Aber ich wollte hier ja eigentlich gar keine Frage zur Existenz von Gott und der Schöpfung der Welt lostreten. Eigentlich wollte ich nur einen einfachen Gedanken teilen, der mir nicht aus dem Kopf gegangen ist. Wie man halt so vom einen ins andere stolpert. Aber vielleicht hab ich ja wenigstens ein wenig Stoff zum Nachdenken geliefert. Oder auch nicht. Ist aber auch wirklich deine Sache. Mir ist nur wichtig, dass du mich nach Order 66 am Leben lässt. Es reicht schon, wenn der Typ aus dem Bus Ärger will.


Cover-Image © guibzz

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13 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wortman sagt:

    Hast du die Serie Westworld geguckt? 😉

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    1. Florian Born sagt:

      Noch nicht, nein 😉

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      1. Wortman sagt:

        Die Frage stellst du dir sofort, wenn du damit durch bist 😉

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        1. Florian Born sagt:

          Bei mir kam die Frage nach Ex Machina auf 😀

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        2. Wortman sagt:

          Das glaube ich dir 🙂

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  2. Zeilenende sagt:

    Dawkins irrt in einem entscheidenden Punkt: Aus Russells Teekanne folgt nicht, dass die Beweislast bei den Gläubigen liegt. Aus Russells Teekanne folgt nur:
    Wenn
    1) es eine Wahrheit gibt
    und sie
    2) beweisbar ist,
    dann liegt die Beweislast bei denjenigen die behaupten, dass sie die Wahrheit ist. Da Religionen mit Glaubensbegriffen operieren, kriegt man sie mit Russells Teekanne nicht dran. Das ist nur eine Variante des Falsifikationsprinzip von Popper: Wissenschaftliche Theorien müssen so konstruiert sein, dass sie per Experiment widerlegt werden können, sonst sind sie nicht wissenschaftlich (auch wenn Popper an sowas wie Wahrheit in den Wissenschaften zu glauben scheint, wollen wir es mit dem Anspruch nicht übertreiben).
    Das wiederum ist aber auch nur eine Setzung. Und der Witz kommt, wenn man nach der Rechtfertigung dafür fragt: Denn dann kommen auch wieder Glaubenssätze ins Spiel.
    Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: „Ist da eine Teekanne oder nicht?“ Die Frage ist „Spielt es eine Rolle, ob da eine Teekanne ist?“ Analog zu der Menschenfrage: „Spielt es eine Rolle, ob du wirklich ein Mensch bist? Reicht es nicht aus, dass du 1. dich selbst für einen solchen hältst und 2. die anderen das auch tun?“

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    1. Florian Born sagt:

      Auch ein sehr guter Ansatz.
      Aber ich muss dazu jetzt einwerfen, dass man diese Frage auch wirklich in beide Richtungen stellen muss. Wenn also jemand von mir verlangt, zu beweisen, dass es Gott nicht gibt, so kann ich ihm sagen, dass es eher die seine Aufgabe ist, zu beweisen, dass es ihn gibt, weil das Experiment von der seinen Seite ausgeht und es somit in seiner Verantwortung liegt, es zu erfüllen.

      Ansonsten bin ich auch auf der Seite zu sagen: „WHO CARES?!?!?!“ 😉

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      1. Zeilenende sagt:

        Das „Der Behauptende trägt die Beweislast“ ist auch nur eine Setzung. Warum ist das so? Es gibt durchaus rationale Gründe, aber der rationale Grund ist, den Wildwuchs an Ideen zu begrenzen. Und ist das gut? 😉
        Letztlich sehe ich es wohl ähnlich wie Feyerabend (der heißt wirklich so!), der einen anarchistischen Ansatz verfolgt hat: BEIDE stehen unter Beweisdruck, weil die Seite, die widerspricht, das ja auf Basis eines eigenen erklärungsbedürftigen Weltkonstruktes tut. Die Frage ist dann zunächst: Welches der beiden Konstrukte, z. B. Evolutionstheorie oder biblische Schöpfungstheorie, ist überzeugender?
        Und die Affennummer ist wirklich nicht sympathisch! 😉

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        1. Florian Born sagt:

          Beide in die Beweislast setzen. Sehr gewagt! Aber da keine der beiden Seiten die Beweise der Gegenseite anerkennen wird ist das bei dieser Sache schon wieder ziemlich schwierig 😉

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        2. Zeilenende sagt:

          Deshalb gibt es ja immer eine Jury. Darwins Theorie, Lamarcks Theorie, die Bibel erklären alle drei, wie der Mensch entstanden ist. In der Allgemeinheit ist Darwin anerkannt, über Lamarck redet man nur noch in einzelnen Aspekten und die Genesis gilt bei einer kleinen, aber lautstarken Minderheit als wahr. Durchgesetzt hat sich Darwin. Aber da er ebenso wenig beweisbar ist wie alles andere, gehört das einfach dazu. 😉
          Das ist auch gar nicht schlecht. Weil dann eine neue Theorie, die vielleicht „mehr recht“ hat als Darwin, nicht gegen ein festgefügtes Weltbild der gesamten Gesellschaft anrennen muss.

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  3. larapalara sagt:

    Ja, wir können eben nichts wirklich wissen. Schöner Blog, toll geschrieben. Danke fürs Gedankenfutter!

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    1. Florian Born sagt:

      Danke, danke und gerne 😉

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